Kultur : Aus dem Römertopf

Schamlos albern: Katharina Thalbach inszeniert in Potsdam den Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“

Sybill Mahlke

Der Schuldiener bringt dem Gymnasialprofessor Manfred Gollwitz 52 Hefte zum Korrigieren ins bürgerliche Heim der Gründerzeit. Versteht sich, dass die Aufsätze der Jugendlichen abendländisches Bildungsgut behandeln: den Zweiten Punischen Krieg. Derweil hat das Dienstmädchen Rosa in der Zeitung von einem Theatergastspiel gelesen und erhofft sich viel Spaß, da die Frau Professor gerade verreist ist.

Diese Exposition bringt einen Schwank ins Rollen, der von Missverständnissen und Verwechslungen nur so strotzt. „Die Leute liegen unter dem Stuhl. Ich auch“, schrieb Alfred Kerr über eine Aufführung im Kriegsjahr 1917. So weit muss es heute nicht mehr kommen.

Aber im Hans-Otto-Theater an der Schiffbauergasse in Potsdam amüsiert das Stück der Gebrüder Schönthan von 1884 noch immer, weil es in schamloser Albernheit so effektsicher funktioniert: Der Bildungsbürger, der sich insgeheim von der prickelnden Welt des Theaters angezogen fühlt, der Schmierendirektor, der Großes wollte und sich nun damit abfinden muss, dass ihm in seiner Schauspielertruppe fast alles, selbst die Besetzung für einen stummen Boten fehlt.

Das ist ein Stück, in dem das Slapstick-Talent der Regisseurin Katharina Thalbach aufblüht und blüht, bis es zaghaft anfängt zu welken. Denn der Schwank dauert zweidreiviertel Stunden. Ein wenig zu lange. In kleinbürgerlicher Idylle, die mit Bühnenbildern von Mike Hahne zeitfühlig und als Aufforderung zu Sturz und Sprung funktional ausgestattet ist, hütet Gymnasiallehrer Gollwitz ein Geheimnis: Als Student hat er eine Römertragödie verfasst, „Der Raub der Sabinerinnen“, an der er mit Scham und Stolz wie an einer Jugendsünde hängt.

Diesen kuriosen Schöpfer eines Antikendramas versieht Hans-Jochen Röhrig, Jamben taktierend, mit einer rührenden Anmut der Zerstreutheit, während aus den Augen des greisen Hauptes „Jugend“ blitzt. Die zahlreichen Figuren, von denen Gollwitz umgeben ist, erhalten in der Inszenierung Thalbachs und in Kostümen von Jenny Schall alle Gelegenheit, sich zu profilieren: theatergewandt Rahel Ohm als robustes Dienstmädchen Rosa, das gleichwohl nahe am Wasser gebaut hat; Rita Feldmeier als Gemahlin Gollwitz mit dem Schwung einer betrunkenen Xanthippe; vehement eifersüchtig Anne Lebinsky als ihre Tochter Marianne, die aus der Lektüre Balzacs den Tick ableitet, ihr Mann müsse unbedingt ein unmoralisches Vorleben haben.

So sieht dieser Dr. Neumeister in der langen Gestalt Henrik Schuberts natürlich überhaupt nicht aus, denn wegen Unbeholfenheit geht er dauernd zu Boden. Roland Kuchenbuch gibt großspurig den Weinhändler Groß aus Berlin, dessen Sohn Emil, von Tobias Rott aus der Fülle des Lebensfrühlings gespielt, sich in die jüngere Tochter Gollwitz verliebt. Diese Paula wird von Jennipher Antoni als ein liebenswertes, altkluges, hurtiges Wesen dargestellt. Der Tanz der beiden jungen Leute zum Verführungsduett aus „Don Giovanni“, dessen Grammofonkonserve sie trotz hakender Schallplatte leise mitsingen, ist eine Einlage von bezwingendem Charme. Vordringlich erklingt sonst als typische Begleitmusik der Schlager „Warte, warte nur ein Weilchen.“

In dieser von trivialen Komplikationen gebeutelten Gesellschaft taucht der Theaterdirektor Striese auf und macht sich anheischig, den „Raub der Sabinerinnen“ mit seiner zweifellos sehr unzulänglichen Truppe im Schützenhaus aufzuführen. Es folgt ein Theaterskandal, weil Lanze und Schwert während der ersten Akte kaputt brechen und der Kakadu im Gummibaum alias römischen Pinienwald stört. Zur Parodie mutiert bringt der dritte Akt die Wende: 35 Vorhänge.

Katharina Thalbach spielt nicht nur den Striese selbst, sondern auch die Gattin des Direktors, die Curt Goetz einst für seine Frau Valérie von Martens in die Urfassung einkomponiert hat. In beiden Fällen bringt Thalbach viel Humor ein, viel zum Lachen. Für den Mann hat sie sich einen knarzigen Schnatterton zugelegt, ein bei der verbesserungswürdigen Akustik des schönen neuen Hauses nicht immer verständliches Presto-Sächsisch. Die kleine Person ist à la Medizinball gerundet, und in ihrer Kugelgestalt gibt sie damit eine würzige Comic-Figur.

So weit diese Verstellungskunst zu bewundern ist, belässt sie doch eine Seite der Rolle im Hintergrund: Dass nämlich dieser Schmierendirektor Emanuel Striese zwischen den Alltagsmenschen seiner kleinstädtischen Umgebung eine Aura von einsamer Größe hat, dass er eine hinreißende Inkarnation des Theaters ist, die immer wieder versucht, Berge zu versetzen. Die Liebe zum Theater geht bei Katharina Thalbach, wie wir sie kennen, eigentlich tiefer, als es ihr grotesker Striese verrät.

Intendant Uwe Eric Laufenberg aber kann sich über ein pralles Lustspiel im Repertoire seines Potsdamer Theaters freuen. Situationskomik lauert mit Fantasie hinter allen Türen.

Weitere Vorstellungen am 3., 6., 7., 17. und 18. Januar, 2. 8. und 9. Februar

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