Kultur : Aus dem Satzbaukasten des Gegenwartstheaters

Hartmut Krug

Als Kind mochte Klara nie feste Regeln, während Irene bei den Lehrern als "Pflichtfanatikerin" galt. Gerade Klara aber verdient ihren Unterhalt mit dem Verfassen von Gebrauchsanweisungen (für Bügeleisen oder Waschmaschinen). Da Klaras Texte allerdings eher vom Gebrauch der Geräte abraten, bringen sie ihr die Kündigung ein. Irene lässt sich als Ehefrau und Mutter von ihrem Mann unterhalten. Sie scheint ihren Platz und ihre Ruhe gefunden zu haben, während Klara noch immer auf der Suche nach ihrem Ort und ihrer Aufgabe im Leben ist. Das bedeutet: sie braucht Geld.

Ihr Schwager ist bei der Bank und soll ihr einen Kredit besorgen. Als wenig hilfreiche Sicherheit bringt sie einen Freund mit, der sich als Trödler "durch die Ablagerungen, die Hinterlassenschaften, die Verkrustungen anderer Leben" wühlt und seine Tätigkeit als "angewandte Menschenkunde" versteht.

Die Figuren in Dea Lohers neuem Stück "Klaras Verhältnisse", einem Auftragswerk für das Burgtheater, leben und bewegen sich in absolut klaren Verhältnissen. Denn sie stammen aus dem stets lieferbereiten Satzbaukasten des kritischen deutschen Gegenwartsdramas. Dea Loher weist jeder Figur ihren Platz und ihre Haltung zu: Die einen besitzen Arbeit und Geld, die anderen keines von beiden. Die einen unterdrücken ihre Sehnsüchte, die anderen gehen auf die Suche nach dem wahren Leben.

Wenn Dea Loher eine scheinbar aufmüpfige Klara auf deren Weg durch eine letztlich gesichtslose Gesellschaft alle möglichen Spießer aufstören und verändern lässt, dann wirken die Menschen in dieser theatralischen Versuchsanordnung merkwürdig undeutlich. Weil Lohers altmodische Figurenklischees den Blick auf eine schlichte Tatsache verstellen, die schon die jämmerlichste Talkshow überdeutlich macht: Leidenschaften, Sehnsüchte und Widersprüche stecken in allen Menschen. In Wirklichkeit sind die von der Autorin so unterschiedlich (aus)gedachten Figuren einander allesamt sehr gleich.

Also gibt die wunderbare Sylvie Rohrer der Irene von Anfang an - selbst da, wo sie von der Autorin noch als Gegenspielerin ihrer Schwester Klara gedacht ist - eine neurotisch-nervöse Zerrissenheit und unsichere Sehnsucht mit. Damit wirkt ihr späterer Ausbruch aus der Ehe zu einer anderen Frau nicht mehr nur wie für ein Figurenkarussell ausgedacht wie bei Loher, sondern wie selbstverständlich aus einer lebendigen Mitte entstanden.

Klaras eindeutiges Verhalten dagegen und ihre wechselnden Verhältnisse, ihr ziellos suchender Weg durch eine lieblose Gesellschaft wirken eher zufällig. Wäre da nicht Judith Hoffmann, die der Klara eine Sehnsuchtskraft und einen Behauptungswillen gibt und auch einen kräftigen Humor in all ihrem Elend bis ins Stundenhotel, der die Figur dann doch wieder spannend macht.

Regisseurin Christina Paulhofer versteht es überzeugend, Dea Lohers Versuchsanordnung unter dem Motto "Sechs Personen und ein Chinese suchen das wahre Leben und die Liebe" von seinem steifen Erklärcharakter zu befreien. Sie unterlegt das Geschehen mit atmosphärischen Hintergrundgeräuschen und verhilft ihm zu einer fast musikalisch strukturierten Bewegtheit und theatralischen Leichtigkeit. Dabei gibt Lohers zwischen poetischer Prägnanz und platten Erklär-Klischees wandernder Text den Figuren keine wirkliche Entwicklungschance. Klaras Bruder "hat sich immerhin zu Tode gespritzt", "nicht aus Verzweiflung", sondern "aus Lust am Dasein, weil er den Rausch genossen hat". Dagegen erkennt Klaras Schwager Gottfried: "Wir haben Angst vor dem, was uns verführen könnte, vielleicht sollten wir einfach das Herz des Feindes essen." Da sein eigenes Herz in Liebe zu Klara entflammt ist, unterschlägt er schließlich Geld für sie. Helfen kann er sich und ihr damit freilich nicht, und Liebe bekommt er auch nicht dafür.

Liebe und Betrug, Liebe zu dritt und Liebe im Dreieck, Herzschmerz und Sehnsucht - und immer dabei Klaras vergebliche Suche nach dem Ich. Ein rätselhafter Chinese begleitet Klara helfend durch eine Szenerie, die Bühnenbildner Alex Harb vor kahler Bühnenrückwand mit übertrieben großem technischen Aufwand als kalt und nüchtern ausstellt. Anders (und richtiger) als in der Buchfassung (erschienen im Verlag der Autoren) endet das Stück in Wien mit offenem Schluss: zwischen hoffnungsfroh und hoffnungslos.

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