Kultur : "Aus dem Schneider": Vor der Flucht - Katrin Askan lässt Fragen offen

Michael Adrian

Bevor sie für immer geht, füllt Judith den großen Kellerofen noch einmal randvoll mit Kohlen. Das heiße Wasser schießt durch die Rohre und erwärmt das Ostberliner Haus, das für die junge Frau schon lange kein Ort der Geborgenheit mehr ist. Doch wenigstens geheizt soll es sein, falls ihre Flucht in den Westen misslingt.

Mit Umsicht setzt Katrin Askans dritter Roman ein, dessen Erzählerin wenige Stunden vor ihrem Fluchtversuch ihr Leben Revue passieren lässt. Judiths Geschichte ist eng verwoben mit jener des Hauses und der drei Generationen, die dort gelebt haben, seit ihr Großvater es aus purem Zufall im Osten statt im Westen der Stadt baute. In stetem Wechsel mit ihren rückwärts laufenden, bis in die frühe Kindheit reichenden Erinnerungen wird die Chronik einer Familie erzählt. In chronologischer Gegenrichtung blättern die beiden Erzählstränge fünfzig Jahre deutscher Geschichte wie zwei Spielkartenstapel ineinander.

Diese Konstruktion verspricht zunächst einigen Reiz. Der Leser erfährt im Nachhinein die kleinen Ursachen großer Wirkungen. Erst spät im Roman zu erfahren, wie Judiths Mutter anfing zu jenen Appetitzüglern zu greifen, an deren Einnahme sie gestorben ist, darin liegt etwas Beklemmendes - denn jede Projektion des Lesers, die sich sonst auf den offenen Horizont einer Geschichte richten würde, ist von vornherein blockiert.

Das Verhältnis zwischen den Generationen erhält durch das Aufeinanderzustreben der beiden Zeitpfeile ein kriminalistisches Spannungspotential. So wirft das Leben der Großeltern unter der Nazi-Diktatur ein Licht auf die Bemühungen der Elterngeneration, sich mit den Verhältnissen in der DDR zu arrangieren. Die Härte und Fühllosigkeit, mit der sich noch der Großvater erfolgreich nach außen anpasste und nach "innen", in die Familie hinein, herrschte, gelingt dem Vater nicht mehr.

Doch trotz der interessanten Konstruktion, trotz auch des genauen Blicks der Autorin bleibt "Aus dem Schneider" matt. Wer etwa erzählt die im Präsens gehaltenen Episoden aus Judiths Familienvorgeschichte? Eigentlich können sie nur ihrer eigenen Imagination entstammen. Zahlreich sind die Szenen, in denen sich gesellschaftliche und familiäre Unfreiheit durchdringen und bei den Frauen zu stummen Verheerungen führen. Aber wenn sich Judiths jüdische Großtante in der Pogromnacht auf dem Dachboden erhängt, hat man den irritierenden Eindruck, es mit einer allzu abrufbaren Szene zu tun zu haben.

Dies mag freilich auch eine Folge von Katrin Askans eigentümlich unbelebtem Stil sein, der sich im Nirgendwo zwischen protokollarischer Nüchternheit und Fernsehdrehbuch-Realismus befindet. Und so haftet Judiths Rückschau auf ihr Leben in der DDR etwas Gedämpftes an. Schwer zu sagen, ob dies allein eine Folge der erzählerischen Mittel ist - oder ob Askan die DDR als eine apathische, gewissermaßen chloroformierte Gesellschaft porträtieren wollte.

Fast scheint es, als habe die Erzählerin nicht nur von der DDR, sondern von ihrer eigenen Geschichte längst Abschied genommen, bevor sie zu erzählen beginnt. Der Leser betritt ein erkaltetes Haus.

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