Kultur : Aus dem Seelenleben der Heuschrecken

Komponist der kleinsten Gesten und der großen Sprünge: zum 80. Geburtstag des Ungarn György Kurtág

Gregor Dotzauer

Insektenhaft – so sind ihm seine Miniaturen selbst zuweilen vorgekommen. Ihr Schillern und Schweben, ihr Kriechen und Krabbeln, ihre Sprünge und Sturzflüge erinnern an Heuschrecken, Käfer, Libellen, Schmetterlinge. Hin und wieder brummt auch eine fette Schmeißfliege vorbei, und wenn György Kurtág in seinen Kürzeststücken ihr Leben erforscht, sie zur Strecke bringt, mit einer Nadel durchbohrt und der Nachwelt präsentiert, sieht er hinter seinen dicken Brillengläsern manchmal genauso insektenhaft aus wie seine Klangwesen.

Sein erstes, 1959 komponiertes Streichquartett hat der ungarische Komponist mit den Worten charakterisiert: „Ein Insekt sucht den Weg zum Licht. Den Lichtschein versinnbildlicht der Flageolettakkord“, der Akkord am Ende des ersten Satzes. Und: „Dazwischen all dieser Schmutz.“ In dieser Beschreibung – und in der einen Minute Musik, die sich dahinter verbirgt – steckt der ganze Kurtág. Das Helle und das Finstere, das dieser Meister des klanglichen chiaroscuro verbindet, das Ätherische und das Erdenschwere, die Schönheit und der Schmerz, den es kostet, sie für Momente zu erringen.

Man könnte Kurtágs Stücke – dafür stehen manche ihrer Überschriften – allerdings auch mit Blumen vergleichen. Einige Sekunden lang blühen sie auf, öffnen ihre Blätter und verwelken auf der Stelle. Welche Metaphern man immer findet: Es geht dabei nicht um Programmmusik, sondern um eine Passionsmusik der kleinsten Form. Dafür spricht nicht nur Kurtágs Bewunderung von Bachs spiritueller Kraft und Konstruktionsgenie, sondern auch sein Faible für die großen Leidenden der Literatur. Als leidenschaftlicher Leser hat er Gedichte seiner Landsleute Attila József und János Pilizinsky vertont und für einige seiner angespanntesten und fragilsten Kompositionen Texte von Hölderlin, Beckett und Kafka verwendet.

Es sind, wie die gerade bei ECM erschienene Neuaufnahme der „Kafka-Fragmente“ mit der Sopranistin Juliane Banse und dem Geiger András Keller zeigt, eher Gesänge mit Instrument als Lieder. Die 40 Stücke in Minimalbesetzung nach Tagebuch-Eintragungen von Kafka (einem verwandten Insektenforscher) unterwerfen das Wort weder der Musik noch umgekehrt. Man würde das Selbstquälerische in Kurtágs Musik überschätzen, wenn man die Qual, die es dem Hörer bereiten kann, nicht mindestens so sehr Kafkas klarsichtigem Irrsinn zuschreibt, mit dem er Sätze notiert wie: „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“

Kurtág ist der größte lebende Komponist Ungarns – diejenige Hälfte des Dioskurenpaares Kurtág-Ligeti, die sich nach dem Aufstand von 1956 zu einem Leben im eigenen Lande durchgerungen und eine Professur für Kammermusik an der Budapester Musikhochschule angenommen hatte. Als sich György Kurtág und György Ligeti dort im September 1945 zur Aufnahmeprüfung trafen und sofort Freundschaft schlossen, standen sie nicht nur zwischen Kriegsruinen. Sie bewegten sich auch in der Leere einer musikalischen Hoffnung, die sie in die Hauptstadt gebracht hatte. Vom Turm der Liszt-Akademie wehte eine schwarze Fahne. Béla Bartók, der aus dem amerikanischen Exil nach Ungarn zurückkehren sollte, war in New York gestorben. So studierten sie Komposition bei Sándor Veress und später Ferenc Farkas.

Kurtág stammt wie der drei Jahre ältere Ligeti, der in Siebenbürgen geboren wurde, aus einem nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien gefallenen Teil des k.u.k. Reichs. Heute vor 80 Jahren in der Kleinstadt Lugos im Banat geboren, nahm er erst nach dem Krieg die Staatsbürgerschaft des Landes an, dessen Sprache er von Anfang an zu Hause sprach. Der musikalisch folgenreichste Einschnitt seines Lebens war sein Pariser Studium in den Jahren 1957/58. Er besuchte Kurse bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen – und er begegnete der Psychologin Marianne Stein, die ihn aus einer politisch wie künstlerisch grundierten Depression befreite, in dem sie ihn lehrte, dem Ereignis des einzelnen Tons zu vertrauen.

Daraus wuchs Kurtágs unverwechselbare Welt. Der Kosmos eines Komponisten, der vielleicht – abgesehen von Kurtágs in Berlin für die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado komponierte „Stele“ – auch deshalb kaum zu größeren Formen findet, weil er ständig die komplette Musikgeschichte mitdenkt und sich, erschöpft von seiner Speicherungs- und Verdichtungsarbeit, so schnell wie möglich aus seinen Kompositionen davonstehlen will. Drei, vier entlehnte Töne oder gar ein Motiv – das genügt Kurtág, um eine seiner zahllosen Hommages an Schumann oder Scarlatti herzustellen. Kurtág verwendet dabei keine fertigen Rezepte. Die Regeln, die er sich auferlegt, entstehen aus jedem Stück neu.

So sehr manchmal erst der Blick auf den Notentext die Gestalt eines dem Ohr nur als dissonanter Krater erscheinendes Tonmaterial erschließt: Man kann sich Kurtágs Musik mit der entsprechenden Aufmerksamkeit auch einfach überlassen: der düsteren Schönheit der „Ligatura“ für zwei Celli, zwei Violinen und einem letzten Celesta-Hauch. Oder den zwei- bis vierhändigen Klavierspielereien der „Játékok“, die György Kurtág und seine Frau Márta live zu einem theatralischen Ereignis machen, wenn sie die drei nebeneinander liegenden Halbtöne von „Schläge – Zank“ in die Klaviertastatur stechen.

Kurtág scheint auf seine Musik gleichzeitig mit einem umgedrehten Fernrohr und einem Mikroskop zu schauen. Das macht ihre Suggestionskraft aus, in der das Hingehauchte, Ersterbende, kaum Wahrnehmbare, fast schon aus dem Jenseits Herüberklingende mit der Gewalt des Eruptiven, Gehämmerten und Zerhackten konkurriert.

Roland Barthes hat in „Die Lust am Text“ von den großen klassischen Erzählern behauptet, es sei „gerade der Rhythmus zwischen dem, was man liest, und dem, was man nicht liest“, der entscheidend sei: „Hat man jemals Proust, Balzac, Krieg und Frieden Wort für Wort gelesen? (Das Glück bei Proust ist: bei jeder Lektüre überspringt man andere Passagen, niemals dieselben.)“ Abgewandelt trifft das auf Musik genauso zu. Die Bedeutung einer Mozart-Symphonie und einer Bagatelle von Webern unterscheiden sich auch darin, dass man Mozart mit einem halben Ohr erobern kann, während man Webern Ton für Ton aushorchen, ja auswendig lernen muss. Mit György Kurtág kann man lernen, warum das eine beglückende Erfahrung ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben