Kultur : Aus dem Tintengebiet

Walter Benjamins Urfassung der „Berliner Kindheit“ kommt ins Deutsche Literaturarchiv Marbach

Rolf Spinnler

Bücher haben ihre Schicksale, sagt ein alter lateinischer Spruch. Manuskripte auch, könnte man hinzufügen. Und manchmal sagen die verschlungenen Wege, die solche Schriftstücke zurücklegen, ebenso viel über ein Zeitalter aus wie die Lebensgeschichten von Menschen. An dem 1892 geborenen und 1940 gestorbenen Literaturkritiker, Kunsttheoretiker und Philosophen Walter Benjamin lässt sich das exemplarisch zeigen. Er floh im März 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Berlin und Deutschland nach Paris, wo er bis zum Einmarsch der Deutschen 1940 in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte. Im Koffer hatte er dabei auch Materialien zu einem Buch, das den Titel „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ tragen sollte. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat jetzt als Schenkung des Stuttgarter Sportwagenherstellers Porsche eine 28 handbeschriebene Seiten umfassende frühe Fassung dieses Buchprojekts erworben.

Walter Benjamin selbst hat die „Berliner Kindheit“ zu seinen „zerschlagenen Büchern“ und „unendlich verzettelten Produktionen“ gerechnet. Tatsächlich konnte er das Projekt zu seinen Lebzeiten – er nahm sich am 26. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis an der französisch-spanischen Grenze das Leben – nicht mehr realisieren. Zur ersten Buchausgabe kam es erst 1950 durch Theodor W.Adorno, der ebenso wie Adornos Frau Gretel mit Benjamin befreundet gewesen war. Adorno stellte dabei aus den unterschiedlichen Textvorlagen, die ihm zur Verfügung standen, eine eigene Fassung her – ein „Kompilationsprodukt“ ohne jeden Anspruch auf eine historisch-kritische Edition, wie der Berliner Literaturwisssenschaftler Winfried Menninghaus am vergangenen Donnerstag bei der Präsentation der Marbacher Neuerwerbung im Literaturmuseum der Moderne betonte. Man muss dabei wissen, dass es sich bei Benjamins „Berliner Kindheit“ keineswegs um eine Autobiografie im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um eine Sammlung von aphoristischen Prosatexten mit Titeln wie „Tiergarten“, „Die Siegessäule“, „Schmetterlingsjagd“ oder „Das Telefon“, die einzelne alltägliche Erfahrungen des Kindes zu „Denkbildern“ gestalten, wie Benjamin selbst dieses Verfahren nannte.

Einige dieser Texte konnten 1932 und 1933 noch im Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ und der „Vossischen Zeitung“ erscheinen; bis 1938 brachte Benjamin auch noch etliche Stücke bei Schweizer Blättern unter. Sein Plan einer Gesamtausgabe als Buch scheiterte jedoch wegen der politischen Umstände; alle von Benjamin angeschriebenen Verlage lehnten ab.

Adorno stützte sich bei seiner Ausgabe von 1950 zum einen auf diese in den dreißiger Jahren publizierten Zeitungstexte, konnte allerdings auch auf zwei Handschriftenkonvolute zurückgreifen, die in der Benjamin-Forschung inzwischen als „Felizitas-Manuskript“ und als „Stefan-Manuskript“ bezeichnet werden. „Felizitas“ war Benjamins Spitzname für Gretel Adorno; das Material, das er ihr und ihrem Mann im April 1940 nach New York schickte, wird von Benjamin-Experten als erster fragmentarischer Entwurf des Buchprojekts eingestuft. Stefan dagegen war der Name von Benjamins Sohn; ihm ist das Konvolut von 28 Seiten gewidmet, das 24 Prosastücke umfasst und das Marbach jetzt erworben hat. Menninghaus datiert es auf Ende 1932 und stuft es als eigentliche „Urfassung“ ein. Diese Einschätzung nimmt man im Literaturmuseum der Moderne natürlich mit Stolz zur Kenntnis und wird die 28 mit Tinte in einer winzigen, an Robert Walser erinnernden Schrift beschriebenen und vom Autor mit Korrekturen versehenen Blätter bis Ende August im Museum ausstellen.

Neben diesen beiden Handschriftenkonvoluten gibt es freilich noch zwei weitere, diesmal als Typoskript erhaltene Fassungen der „Berliner Kindheit“. Das „Gießener Typoskript“, das der in Gießen lehrende Germanist Clemens Heselhaus in den sechziger Jahren bei einem kanadischen Antiquar kaufte, stammt wahrscheinlich von Anfang 1933 und war wohl eines jener Exemplare, die Benjamin vergeblich deutschen Verlagen zur Publikation angeboten hatte. 1981 schließlich entdeckte der italienische Philosoph Giorgio Agamben in der Pariser Nationalbibliothek einen Koffer, den der Bibliothekar und Benjamin-Freund Georges Bataille nach der Flucht des Schriftstellers 1940 dort versteckt hatte. Der Koffer enthielt eine weitere Fassung der „Berliner Kindheit“, die von der Forschung inzwischen als „Ausgabe letzter Hand“ bezeichnet und auf das Jahr 1938 datiert wird und anders als das „Stefan-Manuskript“ nicht 24, sondern 30 Stücke enthält.

Vier verschiedene Fassungen – da gibt es für Philologen genug zu tun. Jan Philipp Reemtsmas „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“ hat deshalb 2004 in der Berliner Akademie der Künste ein „Benjamin-Archiv“ eingerichtet, das einen großen Teil des verstreuten Benjamin-Nachlasses zusammenführen und der Forschung zugänglich machen soll. Dort ist unter der federführenden Herausgeberschaft von Christoph Gödde und Henri Lonitz eine auf zwanzig Bände veranschlagte historisch-kritisch Ausgabe in Arbeit, deren erster Band – Benjamins Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ – im Juni präsentiert werden soll.

Gehört also das „Stefan-Manuskript“ nicht genau dorthin: in die Heimatstadt Walter Benjamins, der er in seiner „Berliner Kindheit“ ein Denkmal setzten wollte? Mit dieser naheliegenden Frage wurden in Marbach der Sponsor Porsche und die Leitung des Literaturarchivs konfrontiert. Man sei dem Marbacher Archiv durch „Emotion und Zuneigung“ verbunden, es sei schließlich „qualitativ die Nummer 1“ unter den vergleichbaren Einrichtungen, begründete der Porsche-Vertreter Anton Hunger die Entscheidung seiner Firma.

Und dann kam auch noch der Mann zu Wort, dem das Literaturmuseum überhaupt diesen Coup verdankt: der Stuttgarter Archivar Herbert Blank. Der Benjamin-Fan hat nicht nur das ehrgeizige Projekt in Angriff genommen, die einstige Bibliothek des Schriftstellers zu rekonstruieren und dabei bisher 4000 Bände zusammengetragen, sondern war auch zur Stelle, als 2002 in Hamburg auf einer Auktion das „Stefan-Manuskript“ versteigert wurde. Für 68 000 Euro konnte er es damals erwerben.

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