Kultur : Aus dem Umzugskarton

Isabella Czarnowska zeigt Werke des Berliner Bildhauers Jürgen Drescher

Nicola Kuhn

Es röhrt, es kreischt, es hämmert. Akustisch ist die Kochstraße 60 eine reine Baustelle, auf dem Sprung zu einem weiteren Kunstzentrum der Stadt. Doch schon jetzt gibt es zwei Galerien mit laufendem Betrieb: Ascan Crone, dessen Räume bereits vor geraumer Zeit aus dem Hinterhaus an die Straßenfront verlegt worden sind, und seit dem Sommer auf der anderen Seite der Hofdurchfahrt, im ersten Stock, Isabella Czarnowska. Mit der neuen Adresse nahm die aus Polen stammende Galeristin, die schon in Stuttgart und Köln gearbeitet hat, wieder ihren Mädchennamen an.

So viel Bewegung vor und zurück in der Zeit, rauf und runter im Haus war nie. Vielleicht hat gerade das Jürgen Drescher gereizt, bei Czarnowska Objekte auszustellen, die genau jenen Moment der Veränderung bezeichnen und doch in einen Zustand der Dauerhaftigkeit überführt worden sind. Was könnte dies besser verkörpern als ein Umzugskarton, gegossen in Aluminium, gut dreißig Kilogramm schwer? So stehen sie nebeneinander da, aufgeklappt, als könnte ein Durchzug sie im nächsten Moment umpusten, als käme gleich einer, sie vollzupacken.

Natürlich geht das hier nicht; Jürgen Drescher macht das sogleich klar, indem er die silbrige Färbung des Gussmaterials unbearbeitet lässt. Ja, bei seinen ersten Kartons ließ er sogar die Gussränder stehen, als schwanke er noch zwischen der Schwere und der Leichtigkeit als Aussage seiner Skulptur. Die zuletzt entstandenen Kartons stören solche Ablenkungsmanöver nicht mehr. Das Auge gleitet über die metallene Oberfläche hinweg, notiert dort Kratzer, Griffspuren und Aufkleber des Originalobjekts, mehr nicht. Hier spielt einer scheinbar lässig mit den Grundelementen der Minimal-Kunst; mit seinen Reihungen, zumal den zusammengeklappten, an die Wand gelehnten Kartons schickt er kokett einen Gruß an Altmeister Donald Judd (bis 20 000 Euro).

Trotzdem macht es sich Drescher nicht leicht. Von Zweifeln spricht der Künstlertext, der in der Ausstellung ausliegt. Ihre Personifizierung fand diese Unsicherheit für Drescher in der Figur von Friedrich Christian Flick, in dessen Rolle er in einem Video schlüpft (11 000 Euro). Darin hat er sich eine Latexmaske mit dem Konterfei des Sammlers übergestülpt und bewegt sich schauend, wägend auf und ab durch ein Kreuzberger Mietshaus. Mit den Augen, hier: den hohlen Augenlöchern der Maske, verleibt er sich seine Umgebung ein; nie wird klar, was er wirklich sieht. Drescher gelingt damit zweierlei: einerseits ein treffendes Porträt des Sammlers, der sich zwar in seinen Kunstvorlieben vollkommen outriert und trotzdem in seiner Persönlichkeit merkwürdig ungreifbar bleibt. Andererseits beschreibt er damit offensichtlich eine eigene Disposition, ein Schwanken zwischen Allmachtsfantasien und Unsicherheit.

Unterm Strich eine hochinteressante Schau, ein frisches Werk, das bei dem Alter des Künstlers – Jahrgang 1955 – erstaunt. Also weder superjung noch altgedient und etabliert. Es ist ein Verdienst der Galerie, dieser Position Raum zu schaffen, ihr Boden zu geben. Ein Boden übrigens, der selbst noch nicht vollendet ist. Dreschers Kartons, seine Statthalter einer temporären Situation, stehen auf blankem Estrich, der seiner endgültigen Bearbeitung harrt.

Galerie Isabella Czarnowska, Kochstraße 60, bis 8. September; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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