Kultur : Aus dem Wörterbuch des Pop-Poeten Mit ihrem neuen Album sehen U2 ziemlich alt aus

Esther Kogelboom

Ein zynischer erster Satz über das neue Album von U2? Der Niedergang begann damit, dass Bono Vox die Sonnenbrille für sich entdeckte. Der betroffene erste Satz wäre ein Seufzer: Ach, Bono. Die standardisierte Version: Nach fünf Jahren haben U2 endlich ihr lang erwartetes neues Album vorgelegt. Und die analytische: U2 sind Minimalisten. Mit wenigen Vokabeln aus dem Wörterbuch des Poppoeten – island, bullett, baby, stranger, hill, mysterious, shout, shining – lassen sich jederzeit U2-Lyrics komponieren.

Es mag einfach sein, sich über die vier alten Zausel mit ihren Kopftüchern und Lederhosen lustig zu machen, über die Prediger-Masche eines arrivierten Sängers und die dreitagebartlastigen Fotos im Booklet. Nicht nur einfach, sondern sogar spaßig. Aber was zählt, ist die Musik. Und die des neuen Albums „How to dismantle an Atomic Bomb“ ist eine Enttäuschung. Haben diese Männer, die schon so lange gemeinsam auftreten, noch ein Gefühl dafür, ob sie gut oder schlecht sind? Wagt jemand, ihnen im Studio die Wahrheit zu sagen?

Früher gab es mehrere Kategorien von U2-Songs: Aufrüttel- und Wutsongs („Sunday Bloody Sunday“); Lovesongs, problematisierend („With or without you“); Lovesongs, verzückt („One“), Hymnen („Angel of Harlem“), Perlen („Running to stand still“) und Cover-Versionen. Diesmal greifen solche Kategorien nicht. Ist nämlich alles die gleiche Sauce.

Die bewährten Gitarrenriffs. Bonos Kopfstimme. Hello, hello: Die Single „Vertigo“ hört sich an wie Christina Aguileras Werbelied für einen Autohersteller. Viele Songs versprechen zu viel: So mancher Anfang, der aufhorchen lässt, wird von einem Schwall aufdringlicher Instrumente weggespült. Der Fehler liegt darin, dass Bono, The Edge und die anderen es nicht wagten, etwas Neues zu erfinden. Sie hätten Outkast fragen sollen, die Black Eyed Peas, Björk oder The White Stripes. Aber U2 sind so kompakt wie ein Felsbrocken. Da kommt niemand dazwischen außer B.B. King. Die vier sind zu klein geworden für die Nische, die sie erfunden haben. Und das Schlimmste: Diese Popband ist nicht cool.

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