Kultur : Aus den Fugen

In der Berliner Galerie Stella A. ändern sich die Perspektiven

Ronald Berg

So hat man die Berliner Museumsinsel noch nicht gesehen: Die Gebäude scheinen in einen optischen Mahlstrom geraten zu sein. Alles kreist um einen Mittelpunkt, so suggeriert es jedenfalls die extrem verkürzte und gekrümmte Perspektive in der Bildmitte. Weiter außen liegende Bildpartien haben etwas mehr Raum, doch zerfransen ihre Ränder wie in zentrifugaler Rotation. Um ihre runden Städteansichten von Berlin, Chicago oder dem Kölner Museum Ludwig zu malen, hat Suzuki ein ganz normales Farbfoto wie in einen Trichter zusammengerollt und das verzerrte Bild erneut fotografiert. Damit hat die Berlin lebende Japanerin die Vorlage für ihre Acrylmalereien.

Nanaé Suzuki stellt in ihren Arbeiten die in der japanischen Tradition unbekannte Zentralperspektive zur Disposition. Kubische Formen italienischer Dachlandschaften wurden in früheren Gemälden auf den Kopf gestellt, so dass eine Art Kippbild entstand, von dem man nicht sagen kann, ob die Kuben optisch aus dem Bild hinein- oder heraustreten. Auch Suzukis malerisch-abstrakt anmutende Fotos aus früheren Tagen, die Spiegelungen auf gekrümmten Flächen zeigten, konterkarierten die im Kamerablick implementierte Zentralperspektive. Die aktuellen Zerrbilder in der Galerie Stella A. wurden dagegen gemalt (800 Euro) oder plastisch in Modelliermasse übersetzt (650 Euro) und erinnern an manieristische Vorläufer.

Wenn es im Manierismus darum geht, konventionelle oder „klassische“ Perspektiven in Frage zu stellen, könnte man in gewisser Weise auch Eva-Maria Schöns Arbeiten dazu zählen. Denn ihre mit Pauspapier entstandenen Zeichnungen abstrahieren die fotografische Vorlage bis zu dem Punkt, wo die Perspektive zugunsten eines Strichmusters aufgehoben wird (450 und 580 Euro). Schön hat dazu die Fotos in einem Buch über die Alpen von 1926 mit Kohle und Pauspapier überdeckt und die Konturen der Felsenlandschaften auf eine darunter liegende, weiß beschichtete Alu-Platte durchgezeichnet. Das Ergebnis sind zwei Strichzeichnungen: einmal auf der Platte und zum anderen die Negativform auf dem Pauspapier selbst.

Während Nané Suzuki die Perspektive zum Rotieren bringt und damit bei einer genuin europäischen Tradition anknüpft, gelangt Eva-Maria Schön durch die Eskamotierung der Zentralperspektive in die Nähe asiatischer Landschaftsdarstellungen – unterstützt noch durch die teilweise mehrfache Staffelung des Motivs hintereinander in selben Bild. Ähnlich erzeugten die chinesischen Tuschemaler die Illusion des Raums auf der Fläche des Bildes. Unvermutet findet damit in der Ausstellung eine Überkreuzung von Rekursen künstlerischer Traditionen statt. Und erstaunlicherweise gelangt das – wenn man so will – „manieristische“ Spiel mit den Bildmöglichkeiten besonders überzeugend in der Nähe des jeweils anderen Kulturkreises.

Galerie Stella A., Gipsstraße 4, bis 24. April; Mittwoch bis Sonnabend 14–19 Uhr.

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