Kultur : Aus den Werken des Preisträgers

Junger Wilder

„Er schaute in die Sonne und sah plötzlich, wie sie schmolz, kochte, unter seinen Füßen dahinfloß wie weißglühendes Eisen. Die Bäume wurden lebendig, stießen giftige Schwaden aus. Das Meer schwoll an, verschlang den schmalen grauen Streifen Sand, kletterte die Anhöhe hinauf, nahm sie im Sturm, um ihn zu ertränken, zu neutralisieren, unter seinen schmutzigen Fluten zu begraben.“

Aus: „Das Protokoll“, 1963 (dt. 1965)



Chronik einer Liebe

„Frida gleicht keiner der anderen Frauen, die er gekannt hat. Sie hat nichts von Angelinas slawischer Blässe, jenem bläulichen inneren Schimmer, nichts von Marjewnas Unverfrorenheit und auch nichts von Lupe Marins Sinnlichkeit und Heftigkeit. Sie gehört weder dem fernen Europa an noch der Tapatia-Aristokratie, von der Lupe in ihrer Jugend in Guadalajara umgeben war, und sie zeigt nicht die kühle Entschlossenheit, die sich auf Tina Modottis Madonnengesicht spiegelt. Sie ist ein wenig wie Diego selbst, ein Wesen aus Vasconcelos’ kosmischer Rasse, eine seltsame Mischung aus der unbeschwerten Fröhlichkeit der Indianer und der Trauer der Mestizen, und hinzu kommt noch die jüdische Unruhe und Sinnlichkeit, die sie von ihrem Vater hat. Das alles erkennt er auf den ersten Blick …“

Aus: „Diego und Frida“, 1993 (dt. 1995)

Die blinde Tante

„Sie verfügte über unerschöpfliche Schätze, nicht nur Worte, sondern auch Dinge, Knochenreste, Steine, polierte Teile, Überbleibsel, die sie aus den Tiefen ihrer Schubladen hervorholte, um sie ihm Stück für Stück zu zeigen, als handele es sich dabei um Schlüssel zu den Geheimnissen der Vergangenheit. Manchmal fand sie hübsche Dinge, einen kleinen Hund aus Bronze, der ihrem Vater als Briefbeschwerer gedient hatte, ein sehr fein geschnitztes großes Samenkorn aus Indien, schwer und feuerbraun, (...) ein altes Fernrohr, das Jean Eudes Marro gehört hatte, dem Ersten aus der Familie Marro, der sich auf der Ile de France, wie Mauritius damals noch hieß, niederließ. (...) Jean nahm sie nicht gleich in die Hand, wartete ein wenig, dann berührte er sie leicht, bis er die Wärme spürte, die sie ausstrahlten, einen fernen warmen Hauch, der von der anderen Seite der wirklichen Welt kam.“

Aus: „Revolutionen“, 2003 (dt. 2006)

Termitenhügel

„Wir begannen wohl damit, ein paar Steine zu werfen, um die Festigkeit zu testen und dem dumpfen Geräusch zu lauschen, das sie beim Aufprall auf die Termitenhügel hervorriefen. Dann schlugen wir mit Knüppeln auf die Mauern und die hohen Türme ein, um zuzusehen, wie die pulvrige Erde herabrieselte, die Galerien freigelegt wurden und die blinden Tiere ans Licht kamen. Am folgenden Tag hatten die Termiten die Löcher abgedichtet und versucht, die Türme wieder aufzubauen. (...) Wir prügelten nur und stießen wütende Schreie aus, bis wieder Teile der Mauern einstürzten. Es war ein Spiel. Doch war es das wirklich?“

Aus: „Der Afrikaner“, 2004 (dt. 2007)

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