Kultur : Aus der Alten Welt

Simon Rattle entdeckt Dvoráks Balladen

Frederik Hanssen

Es ist ein Treppenwitz der Musikgeschichte, dass es Antonín Dvorák ausgerechnet mit seiner 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ in den Olymp der ewigen Klassik-Hits geschafft hat. 1892 war der tschechische Komponist zum Direktor des New Yorker Konservatoriums berufen worden, eine ehrenvolle Aufgabe, der er sich bis 1895 mit Neugier für die traditionelle Musikkultur des Gastlandes widmete. Seine „Neunte“ ist eine Frucht des Aufenthalts in der Ferne – eigentlich jedoch wollte Dvorák nicht als Kosmopolit berühmt werden sondern als Begründer des tschechischen Nationalstils. Dieser Schritt zum unverwechselbaren Idiom gelang eine Generation später Leos Janácek mit jenen bewegenden Musikdramen, die er ganz aus dem Klang seiner Muttersprache entwickelte. Für den sensiblen Psychologen Janácek konnte sich Simon Rattle schon immer begeistern. Im Frühjahr 2004 entdeckte er zusammen mit seinen Berliner Philharmonikern auch den Patrioten Antonín Dvorák. Jetzt ist das Ergebnis auf einer Doppel-CD zu hören, die heute in den Handel kommt (EMI Classics) .

Nach der Rückkehr aus den USA widmete sich der Komponist bis zu seinem Tod 1904 ganz der Musikdramatik. Acht Opern hatte er bis dahin schon geschrieben, mit „Rusalka“ gelang ihm 1900 der einzige dauerhafte Erfolg auf diesem Gebiet. Neben den Arbeiten fürs Theater entstanden in Dvoráks letzten Lebensjahren auch die prachtvollen „Balladen für Orchester“, „Der Wassermann“, „Die Waldtaube“, „Das goldene Spinnrad“ und „Die Mittagshexe“. Wild bewegte Storys, viele musikalische Hell-Dunkel-Effekte: Die 15 bis 30 Minuten langen Tongemälde sind ideal für einen Stimmungszauberer wie Rattle. Mit den atemberaubend flexiblen Philharmonikern kann er blitzschnell die gefühlte Temperatur umschlagen lassen, hitchcockhafte Angstszenarien evozieren, den Orchesterklangkörper zum wütenden Vibrieren bringen.

Simon Rattles Interesse für alles Tschechische lässt sich auch privat erklären: Seine neue Liebe, die Sängerin Magdalena Kozená hat den Dirigenten in die Gedankenwelt ihrer Heimat eingeführt. Bohumil Hrabals „Ich habe den englischen König bedient“ hat Rattle geradezu verschlungen, diesen Schelmenroman, der das 20. Jahrhundert im Zerrspiegel des Grotesken reflektiert. Bei Dvorák geht es weniger doppelbödig zu, er hat sich für die Orchesterballaden bei Karel Jaromir Erbens „Blumenstrauß aus Volkssagen“ bedient. Die brutalen Märchen, in denen eifersüchtige Vätern ihre Kinder zerreißen und Jungfrauen die Hände abgehackt werden, erhalten in Dvoráks Klangsprache einen milderen Tonfall. Das Handwerkszeug ist dasselbe wie bei der romantischen Oper seiner Zeit, den Instrumenten sind ihre traditionellen Funktionen zugeordnet, Hörner künden von höfischen Jagdgesellschaften, Geigen schmachten, Oboen singen sehnsüchtig.

Von der Art, wie Gustav Mahler in den zeitgleich entstandenen Wunderhorn-Liedern mit Folklore-Versatzstücken arbeitet, wie er die alten Geschichten mit dem Blick des modernen Menschen betrachtet, ist Dvorák weit entfernt. Vieles wird – bei allem Tonsetzerkönnen, allem Raffinement der Instrumentation – naiv erzählt. Wo Mahler Risse und Brüche offen legt, muss man bei Dvorák an den Gipsstuck denken, mit dem die Architekten der Gründerzeit die Stahlskelette der Gebäude versteckten. Am interessantesten gelingt ihm der Anfang des „Goldenen Spinnrads“. Erst ein fernes Signal, dann Trommelwirbel. Die Streicher tasten sich voran, das Blech setzt Fragezeichen. Eine Trompete beginnt ihr Klagelied – da fährt ein Streicherblitz dazwischen, gleißend und dissonant: Böse, mein Kind, wird diese Geschichte enden.

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