Kultur : Aus der Erinnerungslava

Die Galerie Berlin zeigt Bilder und Skulpturen von Walter Libuda

Michael Nungesser

Jede Begegnung mit dem Werk des Malers Walter Libuda bedeutet eine Forschungsreise in neue bildnerische Welten auf der Grenzlinie zwischen Abstraktion und Figuration. Sie gleicht einem ständigen Wechselspiel zwischen Erkennen und Suchen, Enträtseln und Sich-verzaubern-lassen. Gegenständlich sind die Arbeiten allemal, und das im Sinne einer beeindruckenden, plastisch-räumlichen Präsenz. Libudas Schöpfungen der letzten drei Jahre umfassen ebenso kleinformatige Gemälde mit selbst bemalten Rahmen wie große, farbgewichtige Kompositionen, Arbeiten auf Papier in verschiedensten Mischtechniken einschließlich lichter Filzstiftzeichnungen aus dichten Strichmaschen und zuletzt Objektplastiken aus Pappe oder Ton, die an der Wand befestigt sind oder von der Decke hängen.

Der 1950 geborene, heute in Berlin ansässige Libuda ist der Leipziger Schule entwachsen, wo er zuletzt und intensiv bei Bernhard Heisig studierte. In seinem Werk verbindet er metaphernreiche, figurativ-bühnenhafte Kompositionen mit einem dramatisch- expressiven Gestus, der sich nicht zuletzt in den sich teils über Jahre hinziehenden Übermalungen sedimentiert. Die Gemälde entwickeln sich von fast genrehaften Szenen wie „Kleines Interieur“ (6000 Euro) bis zu komplex aufgebauten Werken wie „Hand an der Nase“ (13 300 Euro) und „Die Bergung X“ (21 000 Euro) mit dichten Formenkonstellationen aus organischen, architektonischen und vor allem landschaftlichen Elementen. Sie scheinen aus dem Unbewussten zu kommen, aus individuellen und kollektiven Reminiszenzen, aus Kindheitsträumen und Märchen; durchschauen lassen sie sich nicht, sie bleiben geheimnisvoll wie eine Urwelt hinter der sichtbaren.

Die äußere Realität spielt nur bedingt eine Rolle. Im Katalog zur aktuellen Ausstellung der Neuen Nationalgalerie „Kunst in der DDR“ wird Libuda, der mit zwei Gemälden vertreten ist, mit dem Satz zitiert: „Das Existenzielle ist für mich wichtiger als das Politische.“ Der Künstler ist ein Getriebener der Malerei, vor allem der Farbe als Struktur stiftender Erinnerungslava, dem sich Motive und Themen beim Arbeiten aufdrängen. Libudas Kunst überwindet damit den Widerspruch zwischen Art Brut und großer Komposition, zwischen elementarer Gestaltlosigkeit und Konstruktion, zwischen Taumel und Kontrolle.

Galerie Berlin im Kunsthof, Oranienburger Straße 27, bis 30. August; Dienstag bis Freitag 13–19 Uhr, Sonnabend 13–18 Uhr.

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