Kultur : Aus der Gruft geworfen

Forscher aus Florenz und Pisa wollen die Medici ausgraben

Der Geschichte geht es jetzt an die Knochen. Und das wohl nicht zufällig in Florenz, wo der Poet Ugo Foscolo (1778 bis 1827) sich bereits weitsichtig gefragt hatte, ob „im Schatten von Zypressen... der Schlaf des Todes minder tiefer“ sei. Aus ihrer Grabruhe in der von Michelangelo entworfenen Kirche San Lorenzo sollen jetzt rund fünfzig Mitglieder des Herrschergeschlechts der Medici zu Forschungszwecken geweckt werden. Wissenschaftler der Universitäten Florenz und Pisa planen in einem auf insgesamt zwei Jahre angelegten Projekt, die Reste ihrer Körper, darunter den von Cosimo dem Älteren und weiteren sieben Großherzögen, zu untersuchen. Sie wollen die genetischen und biologischen Daten der Medici überprüfen und so einen verlässlichen Stammbaum herstellen. Knochenanalysen sollen Aufschluss über Krankheiten, Ernährung und Lebensstil dieser weit verzweigten Familie bringen, die während der Renaissance und des Barock Florenz beherrscht hatte und zwei Päpste sowie zwei französische Königinnen hervorbrachte.

Außerdem hofft man mit den so gewonnenen Daten, die Gesichter einiger wichtiger Vertreter dreidimensional nachbilden zu können. Dabei wird man herausbekommen, was ohnehin bekannt ist: Die Medici waren, besonders nachdem sie sich mit den Habsburger gekreuzt hatten, klein von Statur mit eher hässlichen Gesichtszügen. Ottaviano de Medici, ein heutiger Nachfahre, will sich angeblich freiwillig einer DNA-Analyse stellen – um zu beweisen, dass er trotz seines ansprechenden Äußeren ein echter Medici ist.

Ob der echte Christoph Columbus italienische oder spanische Vorfahren hatte, ob er schließlich in Sevilla begraben liegt oder im mittelamerikanischen Santo Domingo, das soll jetzt eine weitere Graböffnung, diesmal in Spanien, entscheiden. Im Klostergarten von Santiponce bei Sevilla liegen die Reste von Christophs Bruder Diego begraben, dessen DNA man mit denen von verschiedenen Körperfunden in Sevilla und Santo Domingo vergleichen will.

Offensichtlich hat der Erfolg einer Exhumierung von Stauferkaiser Friedrich dem Zweiten die Wissenschaft zu diesen groß angelegten Leichenschauen verleitet. Nach der Öffnung des Friedrich-Grabes in Palermo vor sechs Jahren hatte sich herausgestellt, dass der mittelalterliche Kaiser entgegen anderer Annahmen nicht vergiftet wurde, sondern an einer Ruhr-Erkrankung gestorben war. Im Sarkophag fand man dann noch zwei weitere Skelette, eines davon konnte nicht identifiziert werden.

Werden die Forscher auch in den MediciGräbern überraschende Skelettfunde machen, gar Mordfälle der Renaissance leicht verspätet aufklären können? Wie so häufig in der Wissenschaft findet man bei der historischen DNA-Analyse nicht nur Antworten sondern auch viele neue Fragen. Das gehört zum Fortschritt der Erkenntnis – auch wenn Ugo Foscolo in seinem berühmten Gedicht „Von den Gräber“ zu bedenken gibt, dass allein die Kunst die richtige Art sei, dem Schauder des Todes zu begegnen: „Ach! über den Toten/ sprießt keine Blume, wo nicht der Menschen/ Lied sie ehrt und liebevolles Klagen.“ Henning Klüver

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