Kultur : Aus der Kuckucksuhr

GERWIN KLINGER

"Was ist Philosophie?" Richard Rorty im Berliner Otto-Braun-SaalVON GERWIN KLINGER"Was ist Philosophie?" Eine der schönsten Parodien dieser Dauerfrage philosophischer Selbstbespiegelung stammt von dem Historiker E.P.Thompson.Da gelangt der Philosoph in der Studierstube an den entscheidenden Punkt: Existieren Gegenstände der Außenwelt unabhängig vom Philosophenkopf? In seiner Verlegenheit befragt er den nächsten realen Gegenstand, seinen Schreibtisch: "Tisch, woher weiß ich, daß du existierst, und wenn ja, woher weiß ich, daß mein Begriff Tisch deine wirkliche Existenz wiedergibt?" Der Tisch fragt streng zurück.Je nach dem, wer aus der Konfrontation als Sieger hervorgeht, gehört der Denker fortan dem Idealismus oder dem Materialismus an.Primat des Seins oder des Bewußtseins? Die alte Schlachtordnung von Idealismus und Materialismus ist dahin, nun hat das Einstein Forum den renommierten Philosophen Richard Rorty gebeten, die Was-ist-Philosophie-Frage noch einmal zu stellen, im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek.Rorty gilt als ausgesprochen politischer Intellektueller, der festhält an der Vision einer liberalen, sozialen Demokratie.Er wird dem postmodern beschlagenen Neo-Pragmatismus zugerechnet, der Letztbegründungen und Dualismen der Bewußtseins-Philosophie von einem anthropologischen Ansatz her aufbricht und handlungsorientiert transformiert.Wie kann das Subjekt das Objekt erkennen? Was ist gut, was böse? - solche Fragen werden ersetzt durch Kalküle: Welche Sätze sind die tauglichsten Beschreibungen für die verfolgten Zwecke? Welcher moralische Kompromiß läßt sich zwischen konkurrierenden Gütern erringen?Bei dem bekannten Antidualismus Rortys überrascht es zunächst, daß er die Philosophie um zwei gegensätzliche Pole strukturiert: das Schöne und das Erhabene.Die ganze Philosophie-Geschichte mit den Eckmarken Plato und Kant zeigt sich ihm als Bewegung zwischen zwei Denkstilen: dem Schönheitsucher auf der einen und dem nach Erhabenem Strebenden auf der anderen Seite.Auf diese Pole verteilen sich dann Argumentation oder Inspiration, Relatives oder Absolutes, Buchstäbliches oder Metaphorisches, Sagbares oder Unsagbares, Rationales oder Irrationales.Die Trennungslinie deckt sich in etwa mit der zwischen kontinental-europäischer und angelsächsischer Philosophie.Ins Politische gewendet wird der Schönheitssucher zum Reformer und Pragmatiker, der eine menschenfreundlichere Umordnung der Verhältnisse anstrebt; der Griff nach dem Erhabenen hingegen ist ein revolutionärer, der das ganz Andere will und Reformen ablehnt als Komplizen des Bestehenden.Rorty, den man den Schönheitssuchern zuordnen möchte, schlüpft in die Position des Schiedsrichters: Für die Partei der Schönheit spreche, daß "das Gespräch das höchste Gut diskursiver Geschöpfe ist", doch schreite die Zivilisation nur durch Inspiration voran, durch "Leute, die willens sind, befremdlich, irrational und unzugänglich zu klingen".Der Streit sei unlösbar.Das Pendel, das zwischen diesen Polen hin- und herschwingt, sei die Bewegung des Geistes, angetrieben vom Bemühen, das Schöne und Erhabene im "selben intellektuellen Universum unterzubringen".Deshalb werde es immer in der Kultur "einen Platz für Platon- und Kantleser geben".Erleichterter Applaus.Die Aussicht auf ein letztes Zweifelsgebiet für Pendelkundige, in dem nicht Talkmaster, Schlagersänger und Markenzeichen als Sinngeber reüssieren, wirkt wie Balsam für eine Philosophie-Szene, die deprimiert wird durch Stellenstopp und kw-Vermerke.Ist dies derselbe Rorty, der jüngst die Linke in den USA aufscheuchte, weil sie sich in Cultural Studies ergehe und harte Fragen sozialer Gerechtigkeit vergesse? Auch der moderierende Berliner Philosoph Alfred Wellmer versagte sich philosophiekritische Gedanken, so blieb die bittere Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz ungestellt.Was passiert, wenn sich herausstellt, daß Rortys Pendel an einer Schwarzwälder Kuckucksuhr baumelt, die das digital-mediale Zeitalter sich allenfalls als Folklore gönnt?

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