Kultur : Aus der Mitte entspringt ein Überfluss

Kai Müller

Die Fenster sind blinde, hohläugige Löcher, Putz ist von der Fassade geschlagen und dort, wo sich früher einmal eine Kneipe befunden hat, klafft jetzt eine Baulücke. "Da oben", sagt Norman Ohler und zeigt zum zweiten Stock hinauf, "habe ich gewohnt. Der Roman, der in diesem Haus spielt, erschien an dem Tag, an dem die Entkernung begann." Wir stehen vor der Großen Präsidentenstraße Nummer 10, direkt am Hackeschen Markt, eines der letzten unsanierten Häuser der Gegend. Der Seitenflügel ist weggerissen, eine Maschine rammt stählerne Pfähle in den Grund. Bevor die Straßenbahnführung geändert wurde, befand man sich hier wie auf einer Insel, um die unablässig gelbe BVG-Züge kreisten. Wie im Zentrum eines Mahlstroms.

Einen hat dieser Strudel tatsächlich verschlungen. In Ohlers Roman "Mitte" heißt er Igor, ist DJ und Misanthrop. Auf den Spuren Stockhausens will er ein gewaltiges Gesamtkunstwerk schaffen - und geht daran zu Grunde. In Wirklichkeit hieß er Ingo. Als man seine Leiche im zweiten Stock auf einer Matratze liegend fand, hatte seine Zigarette einen Schwelbrandt ausgelöst, an dem er erstickt war. Er hatte unter Ketamin-Einfluss gestanden, einer Droge, die einem für eine Stunde jegliches Bewusstsein raubt. Ohler erfuhr davon, nachdem er die verwaiste Wohnung 1995 bezogen hatte. "Dass das keine normale Wohnung war, hat jeder gespürt, der sie betrat. Man war sofort erregt. Ingos Körper war gestorben, bevor er wieder in ihn zurückgekehrt war. So ist ein Geist entstanden, der durch das Haus spukte."

Norman Ohler, 1970 in Zweibrücken geboren, ist ein großer, hagerer Typ. In seinem amüsiert lächelnden Gesicht blitzen helle blaue Augen, die einen scharfen Verstand verraten. Mit Geistern hat er für gewöhnlich nichts zu tun. Dennoch recherchierte er für seine gothic novel (Ohler) über Totenkulte und übersinnliche Phänomene und begann die Techniken begreifen zu wollen, mit denen man verschlüsselte Botschaften erkennt. Schon sein in New York entstandenes Debüt, "Die Quotenmaschine", das als erster Online-Roman gilt, hatte mit hintergründigen Realitätsebenen gespielt. Damals war es der virtuelle Raum des Internets, dessen geheimnisvolle Verknüpfungen er zu einer ödipalen Odyssee zusammensetzte. In "Mitte", seinem zweiten Roman (Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2001, 240 Seiten, 39,90 Mark), schleicht nun ein toter DJ als Hirngespinst und Flüsterstimme durch die Fantasien eines arbeitslosen Programmierers. Der ist Ohlers Alter Ego, aber auch ein Nachfolger von Kafkas Landvermesser und Joseph Conrads Kolonialbeamtem, die in den Irrgarten einer entgrenzten Ordnung geraten.

Ihn habe interessiert, sagt Ohler, "warum jemand in einer so exklusiven Wohnlage, in der Mitte von der Neuen Mitte, hat sterben wollen". Nicht nur prallt in seinem Berlin-Roman der Selbstzerstörungstrieb eines Freaks auf Umstände, die ihn in eine paranoide Isolation treiben. Das Buch arbeitet sich vielmehr am historischen Ballast einer Zeit und eines Ortes ab, die ihr Versprechen nicht eingelöst haben. Das Zauberwort der Gegenwart lautet "Entkernung". Was wie eine Sanierungsvokabel klingt, ist viel mehr: ein Kahlschlag. Ihm fällt eine Subkultur zum Opfer, in der Tanzen viel mehr war als eine Möglichkeit, seine Freizeit zu verbringen. "Es ist eng, dicht und zu teuer geworden. Die Stadt ist ausgebrannt - wie sämtliche westlichen Städte", sagt Ohler enttäuscht, "man ist lediglich bemüht, den Status quo zu bewahren." Als Schriftsteller sei er davon allerdings nicht mehr betroffen, fügt er müde lächelnd hinzu: "Ich kann meine Texte auch in einem restriktiven Umfeld schreiben."

Ein bemerkenswerter Satz für jemanden, der als Schüler unter dem Eindruck von Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" Autor zu werden beschloss. Er sagt: "einen Beitrag zu leisten" - und schmunzelt darüber, dass man ihn für einen Sozialromantiker halten muss. Mit 22 wurde der gebürtige Pfälzer an der Hamburger Journalistenschule aufgenommen und arbeitete danach für "Stern" und "Spiegel". Noch als Praktikant reiste er für "Geo" nach Südafrika, um ein Sonderheft über das im Umbruch befindliche Land zusammenzustellen. Doch fühlte er sich als Journalist bald zu vielen Einschränkungen ausgesetzt. Schon sein erster literarischer Wurf hatte 288 Seiten. "Das ist eine natürliche Geste, gleich die Großform, einen Aufsehen erregenden Roman, den es noch nie gegeben hat, schreiben zu wollen. Romane verkörpern ja in gewisser Weise das kranke, westliche Ideal des Zu-Ende-Gehens. Meiner ging sogar noch darüber hinaus, ins Internet, wurde unfassbar irgendwann. Wie ein Virus."

Ohlers Gesicht bekommt einen melancholischen Zug, wenn er nicht lächelt. Vermutlich ist der 31-Jährige deutschen Denktraditionen stärker verbunden als er eingestehen will. Für ihn mündet die metaphysische Sehnsucht nach letzten Gründen im Wahn. Doch auch die Abkehr von diesem Rigorismus hat etwas Unversöhnliches. Wie seine Romanfiguren, ist er ein dünnhäutiger Typ, für den diffusen Schmerz anderer empfänglich, dem er manchmal etwas zu pathetische Bilder gibt. Dass er nie Mühe hatte, einen Verlag zu finden, liegt nicht nur an seinem erzählerischen Talent, das die "Zeit" als "elektronischen Expressionismus" lobt. Er profitiert von dem durch die Popliteraten erschlossenen Markt, auch wenn er nicht dazugehört. Das Internet nutzt er nach wie vor als ästhetische Plattform (www.sayheykey.de), wobei er sich eines Begriffs aus der alt-ägyptischen Gestensprache bedient: Seheki bedeutet "verborgene Informationen an die Oberfläche holen". Für den Derrida- und McLuhan-Fan Ohler ist das eine Art Leitfaden: "Sobald ich eine Sprache benutze, begebe ich mich in ein System, das seine eigene Geschichte erzählt." Doch verliert dieser Formzwang mit jedem Buch an Wirkung, mehr und mehr rücken Geschichten in den Vordergrund.

In seinem nächsten Roman, der im Frühjahr erscheinen soll, verarbeitet er die Berichte einer schwarzen Südafrikanerin, die gegen Ende der Apartheid als Drogenkurier in den USA auffliegt. Als sie später in ihre Heimat abgeschoben wird, haben sich die Lebensbedingungen dort so sehr verändert, dass sie den Umgang mit der Wirklichkeit neu erlernen muss. Es ist vermutlich kein Zufall, dass auch "Stadt des Goldes" wieder in einem "entkernten" Gebäude spielt: Ponte City, das angeblich gefährlichste Hochhaus der Welt, ist "ein runder Turm, dessen Mitte ein gigantischer hohler Schacht ist".

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