Kultur : Aus der Mitte

Ein Dialog von Martin Mosebach

DER BEDENKER: Nach einem Jahrhundert, in dem jeder erdenkliche Aspekt der Gegenständlichkeit diskutiert worden ist, gibt es keine Bilder mehr, auf denen einfach „etwas drauf“ ist. Denn es gibt keinen Künstler, den diese Diskussion unberührt gelassen hat.

DER BETRACHTER: Sie bewerten den Einfluss der Theorie viel zu hoch. Theorien hat es immer gegeben – vielleicht nicht so viele und so widersprüchliche wie heute –, und trotzdem ist gemalt worden. Wenn wir einen Überblick über die Fülle der Produktion gewinnen wollen, können wir uns nicht leisten, in den Programmen und Konzepten herumzustöbern, die dem einzelnen Werk zugrundeliegen mögen – dann kämen wir nie zu einem Ende. Wir müssen nach Maßstäben suchen, die außerhalb der verschiedenen Richtungen und ihrer Ziele liegen – Maßstäbe, die auf jede Richtung angewandt werden können, und stehe sie allen andern noch so feindlich gegenüber, ja schließe sie womöglich sogar aus!

DER BEDENKER: Das ist eine absurde Forderung. Gerade solche Maßstäbe sind ja seit der Revolution der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr zulässig, nicht einmal mehr existent. Wollen Sie das Rad der Geschichte zurückdrehen? Im Garten der klassischen Akademie dürften Sie sich allein aufhalten.

DER BETRACHTER: Sie kleben immer noch an den Theorien, die Sie doch abzulehnen vorgeben. Ich denke viel einfacher. Ich denke aus den Mitteln heraus, mit denen Kunst gemacht wird.

Auszug aus einem längeren Dialog über „Maßstäbe zur Betrachtung neuer gegenständlicher Kunst“, den der Malereienthusiast Mosebach in seinen Essayband „Du sollst dir ein Bild machen“ (zu Klampen, Springe 2005) aufgenommen hat.

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