Kultur : Aus der Mode

Die Deutschen haben kein gutes Verhältnis zur Oberfläche. Besonders, wenn sie modisch sein soll

Grit Thönnissen

Wer einen älteren Mitbürger erschrecken will, sollte es mal mit dem Wörtchen „Mode“ versuchen. Es ist schon erstaunlich, dass man mit so einem harmlosen kleinen Wort so viele Leute verschrecken kann. Auf jeden Fall die, die nicht ihr halbes Teenagerleben bei der schwedischen Bekleidungskette Hennes & Mauritz verbracht haben – also alle über 45.

Dabei ist über Mode zu reden seit ein paar Jahren ganz doll in Mode gekommen. Große Tageszeitungen haben eigene Stilressorts, in Berlin gibt es jede Saison ein Modewochenende und wir sind alle per Internet bestens über die neuesten Trends aus Paris und Mailand informiert. Da fallen all die natürlich umso mehr auf, die eine Plauderei über Mode mit Sätzen wie „Was habe ich denn mit Mode zu tun. Damit kenne ich mich nicht aus. Das ist nicht mein Ding“ einleiten. Warum nur gibt es bei so vielen einigermaßen gebildeten Deutschen, die vor mehr als 30 Jahren jung waren, so eine Abneigung gegen die Mode?

Mode ist ja keine Kernphysik: Sie bedeutet erst einmal den Wandel der Bekleidung und des Lebens. Gern wird ins Feld geführt, Kleidung müsse zweckmäßig sein, solle lange halten und nicht auffallen. Aber letztlich erfasst die Mode den ganzen Menschen. Somit ist sie „ausgerichtet auf den sozialen Wandel, nur dass sie sich gewissermaßen auf die Oberflächenschichten sozialen Geschehens beschränkt und zumeist die tieferen Veränderungen des sozialen Systems nicht berührt, die struktureller Natur sind.“ Zu diesem Schluss kommt der Soziologe René König schon im Jahr 1969. Man kann also an der Bekleidung einiges erkennen. Zum Beispiel, ob die Träger der Meinung sind, durch Veränderung ihres Kleidungsstils „der Dynamisierung der Massenproduktion“ Vorschub zu leisten.

Die Generation ihrer Kinder hat damit keine Probleme, sie konnten schließlich bei Hennes & Mauritz kaufen und mussten nicht mehr Marx und Engels lesen. Als 1980 in Hamburg die erste Filiale öffnete, gab es erstmals in Deutschland modische Kleidung, die nicht ein halbes Jahr im Laden hing, sondern alle paar Wochen ausgewechselt wurde und für die das Taschengeld reichte. Fast zur gleichen Zeit wurden Lacoste-Polohemden, Collegeschuhe und V-Ausschnittpullover zur Uniform einer neuen Jugendbewegung. Die Popper waren unpolitisch, logo-fixiert und kaufsüchtig – und hatten im Gegensatz zu ihrer Elterngeneration nichts gegen das Establishment.

Deren Verweigerungshaltung konnten sie nicht nachvollziehen. Überhaupt funktionierte diese nicht, das Äußere verschwindet ja nicht einfach. Man muss sich immer noch etwas anziehen. In diesem Zusammenhang kann man aus dem Buch der Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen „Die Listen der Mode“ zitieren. Sie schreibt: „Es gibt unter den Intellektuellen viele, die verachten Mode. Die Rache der Mode ist schrecklich. Das geht so: Ein Individuum – sagen wir, um den Fall plausibel erscheinen zu lassen, es handele sich um einen deutschen Mann – trägt eine Hose. Es trägt dieses Kleidungsstück seit etlichen Jahren. Eines Tages hat es das diffuse Gefühl, dass es an seinem Äußeren etwas gibt, das es von allen anderen männlichen Individuen unterscheidet. Das kann es nicht wollen – sonst verhielte es sich ja zum Beispiel modisch. Es dauert nun noch eine ganze Zeit, denn seine Wahrnehmung ist in diesem Bereich nicht geschärft, bis es dahinterkommt, worin die Abweichung vom Erscheinungsbild der anderen besteht.“

Das erfordert natürlich Änderungen am Äußeren: „Die Angleichung kostet es jedes Mal eine Anstrengung, denn unser Individuum hat zwar eine klare Vorstellung von seinem intellektuellen Zustand, aber nur eine undeutliche von seiner äußeren Erscheinung. In bestimmten Kreisen gereicht ihm das zur Ehre. Die Rache der Mode liegt nun darin, als sich das Verhalten des Modeverächters vom Verhalten des Modenarren nicht wesentlich unterscheidet: Die Aktivität des einen liegt am Anfang, die des anderen am Ende einer modischen Erscheinung.“

Nun muss man zur Ehrenrettung dieses fiktiven Mannes sagen: In Deutschland hatte er aber auch in den vergangenen vier Jahrzehnten kaum eine Chance, sich mit der Mode anzufreunden.

Und da nützt es auch nichts, wenn die „Goldenen Zwanziger“ und die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende in Berlin beschworen werden, als die Berliner Konfektion mit mehr als 4000 Produktionsstätten ein Exportschlager war. Denn schon damals stand das Produkt, das tragbare Kleid im Vordergrund. Große Modeschöpfer wie Paul Poiret, Elsa Schiaparelli oder Coco Chanel gab es in Berlin nicht. Bekannt sind höchstens die Namen von Firmen wie H. Gerson und V. Manheimer. Wenn auch das Ergebnis schick war – Berlin war nie Vorreiter: Hosen, das kleine Schwarze wurden als Erste in Paris getragen. In Berlin nahm man es gern auf.

Eine Sonderbeilage der Berliner Illustrierten Zeitung vom Oktober 1962 widmet sich der „Berliner Mode im Wandel der Zeit“. Der Bericht beginnt detailreich im Jahr 1837, dann klafft zwischen 1920 und 1962 ein großes zeitliches Loch, das lapidar mit dem Satz gefüllt wird: „1945 musste die Berliner Konfektion am absoluten Nullpunkt anfangen.“

Dass zwischen den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und dem Aufschwung der späten fünfziger Jahre die Deutschen mehr als 12 Jahre in allen möglichen Spielarten von Uniform herumliefen, wird gern komplett ausgeblendet. Kein Wort darüber, dass unter den Nazis die Uniform in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen sehr in Mode kamen und die Berliner Modekonfektion, zu großen Teilen in jüdischem Besitz, zerschlagen und ihrer wichtigsten Akteure beraubt wurde.

Nein, in den Berichten der Nachkriegszeit zerbrachen sich Journalisten und Modeschaffende darüber den Kopf, ob sie den modischen Rückstand von 12 Jahren aufholen könnten, und ob es angesichts von Bombenkratern und rationierten Lebensmitteln nicht dringendere Probleme zu lösen gebe, als sich hübsch anzuziehen.

Kurz nach dem Krieg heißt es in einem Artikel des Tagesspiegels, nach so entbehrungsreichen Zeiten habe man wahrlich Besseres zu tun, als sich um Mode zu kümmern. Der Schriftsteller Walther von Hollander schrieb im Januar 1948 über das „Frauenleben“: „Sollen wir Männer sie (die Frauen) mit logischen Argumenten davon überzeugen, dass jeder bunte Luxus einer untergegangenen Welt zugehört? Ich glaube, nein. Nützlicher ist es, sie zu ermuntern, weiter am Überflüssigen zu hängen, den charmanten, modischen Luxus zurückzusehnen. Gerade weil wir das Notwendige nicht haben, lasst uns das Überflüssige nicht vergessen.“ Grete Roensch schrieb daraufhin einen empörten Leserbrief: „Weder ein Diadem noch eine Perlenkette benötigt eine wahre Frau, allein der Geist, der ihr Gesicht beseelt, kann es verschönern und liebenswert machen.“ Auf den wiederum Grete König antwortete: „Jägerhemd, Lodenmantel oder Wandervogelkleid haben uns in der Welt keine Sympathien eingetragen. Sie sind im Gegenteil als bigotte Äußerungen einer krampfhaften Korrektheit eingeschätzt worden. Wir wollen endlich unbefangen sein dürfen.“

Das sollte ein frommer Wunsch bleiben, ein unbefangenes Verhältnis zur Mode hat sich in den folgenden Jahren weder in West- noch in Ostdeutschland eingestellt. Erst einmal musste grundsätzlich diskutiert werden, ob man sich überhaupt mit Mode beschäftigen dürfe. Oder ob es reichen könnte, aus alten Uniformmänteln neue Kleider zu nähen und das Schmücken und Dekorieren den Franzosen zu überlassen. In der DDR wurde indes die Abschaffung der Modediktatur und der Mannequins erklärt. Bei einer Modenschau im Kultursaal des Elektroapparatwerkes in Berlin-Treptow im Herbst 1951 präsentierten Vorführdamen „Aktivistinnen-Kombinationen für die werktätige Frau“ mit Rohrzangen und anderem Werkzeug in der Hand. Kaufen konnte man die Kleider nirgends. Das änderte sich im Westen spätestens Anfang der sechziger Jahre, doch blieb die Kluft zwischen dem, was man auf Modenschauen und in Magazinen an Mode anschauen konnte, und dem, was tatsächlich in den Läden erhältlich war, unüberbrückbar.

Solange die Trends aus Paris weniger als Vorschläge denn als klares Regelwerk verstanden wurden, funktionierte die Modeerziehung der Deutschen in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders reibungslos. In den fünfziger und sechziger Jahren war die Zeitung voll mit genauen Beschreibungen von Rocklängen, Stoffen und Vorgaben, welche Kleidung für welchen Anlass zulässig war.

In den allgemeinen gesellschaftlichen Umbrüchen der späten sechziger Jahre wurde dann allerdings neben allen anderen Autoritäten auch die der Mode infrage gestellt. Sie galt von nun an in progressiven Kreisen als rein äußerliches Blendwerk, das von der angestrebten Innerlichkeit ablenkte. Davon hat sich die Mode in Deutschland nie wieder erholt.

Damals wollte niemand nur wegen seines Äußeren für cool gehalten werden. Es musste schon ein wenig mehr sein, und wenn Bilder der Kommune 1 mit Uschi Obermaier aus heutiger Sicht aussehen wie Modeaufnahmen, sollten sie damals nur politisch sein. Die Leute hätten sich damals die Sachen auf den Flohmärkten und Secondhand-Läden zusammengesucht, erzählt Astrid Proll, Ex-RAF-Terroristin und in den Sechzigern Studentin in Berlin, in einem Zeit-Interview. Das sei dann natürlich Mode geworden, aber der Großteil der Leute auf Demonstrationen und im SDS hätte ganz normal ausgesehen. Letztlich sei es darauf angekommen, wie man sich bewege, so Proll.

Aber so ganz ohne Mode kam auch Deutschland nicht aus. In den achtziger Jahren stand Düsseldorfs Modemesse Igedo, heute CPD in voller Blüte. Hier wurde die deutsche Mode als Exportschlager gefeiert. Aber natürlich kam niemand auf die Idee, ins Schwärmen zu geraten. Das führende amerikanische Modefachblatt „Womens Wear Daily“ lobte die ausgezeichneten Passformen, die erstklassige Verarbeitung und die vernünftigen Preise der deutschen Kleider und den lobenswerten Mangel an auffälligem Schick als „tragbar“.

In den achtziger Jahren hatten deutsche Firmen keine deutschen Namen. Sie hießen Escada, Carlo Colucci oder Mondi – italienisch klingende Fantasienamen. Klaus Steilmann, der Textilhersteller aus Wattenscheid, nannte seine Firma zwischenzeitlich für den Export „Styleman“. Diese Unternehmen wurden groß mit praktischer Kombimode. Da war alles aufeinander abgestimmt, vom Strickhandschuh über die Hose bis zum Mantel, damit weder Händler noch Kunde viel nachdenken mussten. Mondi ist inzwischen lange pleite, Escada hat sich gerade erst aus den roten Zahlen herausgearbeitet.

Es ging also um die Außenwirkung. Was in Deutschland passierte, war eher traurig. In Berlin machten die letzten Modehäuser dicht und in Bonn wollte man in Ruhe gelassen werden. Als die Designerin Uta Raasch Anfang der Achtziger einen Vorstoß zur Kanzlergattin Hannelore Kohl machte, ihren altbackenen Kleidungsstil zu verändern, wurde ihr mitgeteilt: „In diesen schweren wirtschaftlichen Zeiten denken wir nicht an Mode.“

1984 wurde in einem Artikel des Hamburger Magazins „Spiegel“ die Abwesenheit eines deutschen Stils, einer deutschen Mode beklagt und als Begründung unter anderem das Fehlen einer Mode-Metropole angeführt oder wenigstens einer Hauptstadt, „wo in Restaurants und Opernfoyers ein Kennerblick entscheidet, was schick ist, wo sich die künstlerischen Milieus vermischen und Extravaganzen blühen.“

Kleidung hatte sich anzupassen, und so wie die Deutschen berühmt wurden für ihre Autos, die mit „Vorsprung durch Technik“ beworben werden, so war man auch in der Mode immer bemüht, ein Produkt zu entwickeln, das bestimmte Ansprüche erfüllt. Und da herauszustechen, gut angezogen zu sein als Mehrwert nicht zu den Ansprüchen an Bekleidung gehört, weder unter denen die Mode ablehnen, noch denen, die sich für sie interessieren, bleibt Mode ein Konsumgut.

Natürlich gibt es neben der Mode auch noch den Stil. Um den zu entwickeln, ist es aber durchaus hilfreich, sich vorher mit der Mode und deren Wechsel zu befassen. Denn Stil oder Geschmack zu haben, bedeutet keineswegs eine Absolution – wer meint, seinen Stil gefunden zu haben, und deshalb nur noch in zerknitterten Leinenanzügen und unförmigen Gewändern herumläuft, wird schneller als eitel und arrogant erkannt als derjenige, der sein Aussehen ab und an verändert, weil er zeigt, dass er den Wandel wahrnimmt. Mode entspricht eben nicht den typisch deutschen Eigenschaften: Man kann sich ihr nicht durch besonders viel Ernsthaftigkeit und einmalige besondere Anstrengung entledigen. Immer wieder holt sie einen ein. Da sind dann viele schon froh, wenn sie die richtigen Socken, die richtige Unterwäsche gefunden haben. So geht es einem Berliner Architekten: Seit er seine Ideal-Strümpfe gefunden hat, ist er nicht mehr bereit, sich noch ein einziges Mal mit dem Thema „Socke“ zu beschäftigen.

Die Gräben zwischen den Generationen werden sich wohl nicht mehr schließen. Es ist so, als wenn man jemandem in einer völlig fremden Sprache etwas erzählt. Wie viele Eltern der jetzt seit ein paar Jahren selbstständigen Designer um die 30 haben verstanden, was die Kinder machen und warum? Und erst als sie durch Artikel im Magazin „Burda“ oder in seriösen Zeitungen über ihre Kinder lasen, waren sie ein bisschen beruhigt.

Die, die bei H&M entdeckt haben, dass Kleidung zu kurzfristigen Veränderungen führen kann, haben damit auch die Sicht auf die Welt verändert. Sie haben gemerkt: Wenn ich anders sein will, muss ich mich ein bisschen mehr anstrengen. Oder aber, dass es egal ist, weil man es schnell wieder ändern kann. Und vor allem haben sie ihren Spieltrieb entdeckt.

Mode ist nie eine Investition in die Zukunft, sondern in die Gegenwart. Das darf jetzt bloß niemand als Absolution verstehen: Wenn Stil dazukommt, kann daraus Nachhaltigkeit werden, und das ist ja nun wirklich eine deutsche Erfindung.

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