Kultur : Aus der Schnipselschatulle

Der Kunst-Networker: Kurt Schwitters im Sprengel-Museum Hannover

Martina Jammers

Er war ein Genie der Freundschaft. Seine prallen, derzeit im Sprengel-Museum in Hannover ausgestellten Adressbücher zeigen, dass Kurt Schwitters europaweit zu inspirieren und zu konspirieren verstand: von Prag bis Amsterdam, von Oslo über Basel bis London – und vor allem in Berlin. Gerade hier fand der Hannoveraner das Material, aus dem er seine Merz-Kunst schuf. „Merzen“ nannte er die Methode nach einem collagierten Wortschnipsel, der in toto „Kommerzbank“ hieß. Kein anderer Künstler der Moderne hat so konsequent mit bis dahin nicht als kunstwürdig geltenden Materialien gearbeitet wie Schwitters.

In Berlin erlebte er die Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg: „Ich fühlte mich frei und musste meinen Jubel hinausschreien in die Welt. (...) Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte.“ Denn: „Kaputt war sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz. Ich malte, nagelte, klebte, dichtete und erlebte die Welt in Berlin. Denn Berlin war die billigste Stadt der Welt, daher waren die Millionen von interessanten Ausländern da."

Schöpferisch wie Schwitters war, bedurfte er der Reibungsfläche geistesverwandter Kollegen. Das Berlin der zwanziger Jahre bot ideale Voraussetzungen dazu als Drehkreuz zwischen westlich verspielten Richtungen und strengeren aus Osteuropa. So begrüßte er 1931 bei einem seiner Berlinbesuche Raoul Hausmann unumwunden: „Ich komme nicht zu Dir, weil ich Dich liebe, sondern weil ich neue Ideen brauche.“ Da stand schon die Zeit des Nationalsozialismus kurz bevor, die den „entarteten Künstler“ erst ins norwegische und dann ins englische Exil zwang. Das permanente Unterwegssein fand seinen Niederschlag auch in den Adressbüchern, die er nicht alphabetisch, sondern nach „Merzgebieten“ sortierte. Unter „Hamburg“ trug er sowohl Freunde und Geschäftspartner ein als auch das Lokal „Hansa“ für den Mittagstisch und einen Klavierstimmer vor Ort.

Gerade für den Kontext, die künstlerischen Strömungen seiner Zeit interessiert sich auch die Hannoveraner Schau. Das Sprengel-Museum präsentiert das Multigenie als lebenslangen Networker zwischen Dadaismus, osteuropäischem Konstruktivismus, niederländischem De Stijl oder englischer Abstraktion und spürt mit 300 Gemälden, Assemblagen, Collagen und Skulpturen seinen Merzgebieten nach. Darunter sind auch jene Werke, aus denen Schwitters sich eine eigene exquisite Sammlung der Moderne schuf: zarte Aquarelle eines Paul Klee (1918), kristalline Segelschiffe von Lyonel Feininger (1926) oder penibel gebaute Quadratarrangements von Piet Mondrian. Besonders schätzte Schwitters die ihm seelenverwandte Hannah Höch, bei der er in Berlin oft Unterschlupf fand. Mehrfach reproduzierte er ihre zauberisch-melancholischen Collagen in seiner „Merz“-Zeitschrift.

Der Berliner Galerist Herwarth Walden stellte die Verbindung zu Lászlo Moholy-Nagy her: Nach anfänglicher Skepsis beim ungarischen Kollegen über Schwitters’ bizarre Collagen („Was soll das?“) verband sie eine enge Freundschaft, die auch in der Kunst Spuren hinterließ. Im Direktvergleich lässt sich nun nachvollziehen, wie Moholys transparente Gestaltungsweise und seine warme Farbpalette Einzug in Schwitters Formenkanon hielten. Auf der anderen Seite wurde Moholy wiederum durch Schwitters zur Aufnahme typographischer Elemente und zur Fotomontage inspiriert.

Die Ausstellung zeigt ebenso die Überschneidungen der „Merzgebiete“. So gab es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen so verschiedenen „Lagern“ wie den Dadaisten, orthodoxen Konstruktivisten, De Stijl-Adepten und der Künstlergruppe „Cercle et Carré": die Rhythmisierung des Kunstwerks, der Sinn für das Poetische, die ästhetische Durchdringung der Welt. Obgleich sich Schwitters vollsog wie ein Schwamm im Gebrodel der unterschiedlichsten Richtungen, bewahrte er doch stets seinen eigenen Stil. Noch während seiner Internierung auf der Isle of Man griff er in seine schier unerschöpfliche Schnipselschatulle und kreierte aus Fahrkarten, Schokopapierchen und Zahnrädern reizvolle Collagen oft mit politischen Anspielungen.

Diese ursprüngliche Lust am Material kehrte in seinen letzten Lebensjahren im englischen Exil zurück. Am Ende kam der „Merzer“ wieder bei den Abfällen und Relikten der modernen Welt an, die sie in ihrer Unübersichtlichkeit weit authentischer beschwören als jene klaren Formen eines Mondrian und anderer Kollegen, denen Schwitters dennoch bewundernd Reinheit und Zukunft attestiert.

Sprengel-Museum, Hannover, bis 4. Februar. Katalog im DuMont Verlag, 20 €.

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