Kultur : Aus der Schwarzwaldklinik

Kerstin Decker

In Berlin ging Hermann Hesse zum Arzt. Er hatte einen Lankwitzer Arzt. Mehr, dachte er, kann man an solchen Vorlagerungen des Nordpols auch nicht beginnen. Orte, an denen kein Wein mehr wächst, hielt er für grundsätzlich unbewohnbar. Vielleicht war Berlin ihm auch ein bißchen zu groß. Trotzdem fängt das Hermann-Hesse-Jahr jetzt nicht in Calw, sondern in Berlin an - wenn man die Voreröffnung im vergangenen November in Südindien nicht mitzählt.

Der Züricher Kurator Hans-Peter Meier-Dallach hat sich eine Hermann-Hesse-Ausstellung ausgedacht. "WeltFlechtWerk. Die Einheit hinter den Gegensätzen". Vielleicht ist Berlin dafür wirklich besser geeignet als Calw, rein didaktisch gesehen. Denn der erste Ausstellungsraum ist die Stadt selbst. Eine bewohnte Zentrifuge mit Himmel oben drüber. Mit Wolken. Was wissen die Wolken von der Zentrifuge?

Na klar, die Wolken!, stöhnen schon die Hesse-Verächter im Lande, müssen wir am Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich einen Wolkenbedichter ehren? Der Urvater aller Hesse-Verächter heißt Gottfried Benn. Er befand: "Hesse. Kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit, der sich schon kolossal vorkommt, wenn irgendwo ein Ehebruch erlitten oder gestartet wird. In der Jugend ein paar hübsche klare Verse." Der Antipode von Gottfried Benn heißt Johannes Rau. Er wies als Eröffner des Hesse-Jahrs bündig nach, warum der Wolkendichter in Wirklichkeit ein Hardcoredichter ist. Wegen des Lebens hinter den Wolkengedichten! Das Leben Hermann Hesses hat dessen Heimatstadt Calw sehr irritiert. Aus jeder Schule abgehauen, kein Abschluss, Irrenanstalt mit fünfzehn, zwei Lehren abgebrochen - Rau zählt die Stationen des Scheiterns auf, als verläse er eine Rangliste der Verdienste.

Aber den Revolver lässt Rau dann doch weg. Der Schüler Hermann Hesse bat seinen Vater brieflich um Geld zum Erwerb eines solchen Instruments, um sich damit erschießen zu dürfen. Da der Vater der Aufforderung des Sohnes nicht nachkam, sah dieser sich gezwungen - nunmehr auf dem Gymnasium zu Cannstatt - seine Schulbücher zu verkaufen, um an einen neuen Revolver zu kommen. Die Erfurt-Situation? Schon klar, dass Calw lange nachdachte, bevor es sein Gymnasium Hermann-Hesse-Gymnasium nannte. Aber schließlich wurde Hesse doch noch Schriftsteller. Dem Tod-durch-Schule-Protest-Buch "Unterm Rad" behält die Ausstellung einen eigenen Raum vor. Sie fand folgende Einführung: "Hermann Hesse beschreibt Kindheit und Jugend als spannungsgeladen und vielseitig. Manches scheint heute ähnlich, vieles ist anders geworden." So kann man das auch sagen. Wir laufen durch ein gelbes Maänder aus Fotos und Hesse-Worten, aber auf den Bildern ist mitnichten die Schule um 1880. Kinder von heute, die "Kids" zu nennen, zeitgenössische Erwachsene übereingekommen sind, schauen von den Wänden herunter. Das ist Meier-Dallachs Ausstellungs-Idee. Der Blick von heute soll dem Blick Hesses begegnen. Er will den magischen Punkt dieses Blickwechsels justieren. Auf einen Schaukasten mit antikem Mikrofon darin ist Hesses Ansicht über das Wesen der Automobile und des modernen Menschen gedruckt. Der moderne Mensch liebe die Dinge nicht mehr, nicht einmal sein Heiligstes, das Automobil, das er baldmöglichst gegen eine neue Marke tauschen wolle: "Dieser moderne Mensch ist schneidig, tüchtig, gesund, kühl und straff, ein vortrefflicher Typ, er wird sich im nächsten Krieg fabelhaft bewähren."

Ausgemachte Kulturpessimisten halten das für ausgemachten Kulturpessimismus. Der Vor-68er Timothy Leary aber dachte etwas ganz anderes, als er zu den einschlägigen Autojagd-Passagen des "Steppenwolfs", also den Jagd-auf-Autos-Passagen kam. Er fragte sich, welch beneidenswerte Droge Hesse wohl genommen haben musste, um soetwas zu schreiben. Leary hielt das "magische Theater" des "Steppenwolfs" Harry Haller für die getippte Innenansicht eines LSD-Trips. Der Nicht-Junkie Hesse promovierte zur Hippie-Leitfigur. Dabei hatte er nur die Verzweiflung eines aus der Welt gefallenen unzeitgemäßen Intellektuellen notiert. Eines Skeptikers der modernen, Welten fressenden Beschleunigungen. Und heute? Würde sich Hesse nicht zu Tode erschrecken? Diese merkwürdige Veräußerlichung allen Seins.

Das Hesse-Jahr und Ausstellungen wie diese sind Versuche, Hesses Fremdheit zu überspielen, ihn ins Heute zu ziehen. "WeltFlechtWerk" ist eine sehr moderne Multimedia-Installation, keine Hesse-Reliquie, nicht eine einzige seiner über hundert Brillen ist da. Aus den Lautsprechern tropfen Mozart, schnelle Gedichte und langsame Gedichte. Ein steter Geräuschpegel liegt über allem, ein hartnäckiges Summen, das Hesse augenblicklich in die Flucht geschlagen hätte. Sogar im "Selbstfindungsraum" hören wir das Summen noch. Er ist, wir ahnten es, leer. Selbstfindungsraum? - Ja, "WeltFlechtWerk" neigt zu einer gewissen didaktischen Harmlosigkeit, zur selbstgewissen Kindlichkeit der Wahrnehmung. Für Hesse-Leser ist das eher spaßig. Also eine Ausstellung für Nicht-Hesse-Leser? In der Abteilung "Scherben und Perlen" sollen wir selber Glasperlenspieler werden. Es gibt gelbe, grüne, blaue und rote Coupons. Auf einem gelben steht: "Einsicht nach dem 11. September: Weltweiter Austausch zwischen den Kulturen wird so wichtig wie Welthandel" Man kann die Coupons auf eine runde milchglasige Spielfläche legen und sie gegen andere verschieben. Aber nach welchen Regeln denn? Die stehen doch nicht mal im "Glasperlenspiel" und fast kein Hesseianer, hört man, hat jemals das "Glasperlenspiel" zuendegelesen, dieses mönchische Weltweisen-Traktat. Karl-Josef Kuschel von der Stiftung Weltethos in Tübingen hält das für falsch. Er mag diese Vision von der Synthesis allen Wissens, von der Einheit allen Seins im "Glasperlenspiel". Liegt nicht beinahe der Umriss des inständig gesuchten Welt-Ethos darin?

Aber es lässt sich auch aus Hesse nicht destillieren. Hesse hat die Religionen nicht einfach zusammengesetzt. Er war ein Mystiker. Ein Mystiker ist jemand, der Gott schon verloren hat. Und die Einheit, die er findet, ist keine bewohnbare mehr, ist nicht der alte solide gegenständliche Gott Europas im indischen Relaunch. Die Einheit, die der meistgelesene europäische Schriftsteller stiften könnte, liegt wohl in ihm selbst. Dass da wirklich einer war, der fast alle Welt-Quellen nötig hatte zum Sein - zum Ganz-Sein.

"WeltFlechtWerk - Die Einheit hinter den Gegensätzen", bis 31. Juli im Kulturforum am Potsdamer Platz. Ab heute auch "Gunter Böhmer - Hermann Hesses Freund und Illustrator", bis 1. September im Nikolaihaus, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Brüderstr. 13

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