Kultur : Aus der Spur

In der Glaubwürdigkeitsfalle

Jan Schulz-Ojala

Meistens nuschelt Nettie, spricht sparsam, bewegt sich vorsichtig, aber jetzt, nach Theos Geständnis, kommt ein Schrei aus ihr, der geht durch Mark und Bein. Es ist Abend vor dem Hochhaus in Mülheim an der Ruhr, wo sie beide wohnen, und Theo würgt seinen Frauenhass heraus, seine Vergewaltiger-Vorgeschichte und sein Schlussmachen mit Nettie jetzt, aus und vorbei. „Hast du . . . ?“, fragt sie ihn zwischendurch atemlos. „Ja, gestern.“ So knapp klären sie seinen Rückfall, in zwei Ansatzsätzen: Auf einem Parkplatz hat er einer Frau ins Gesicht geschlagen, hat sie vergewaltigt und liegen gelassen wie ein Stück Vieh, vielleicht ist sie tot, wir wissen es nicht. Und Nettie schreit.

Eine halbe Filmstunde später schreit sie wieder, sie jault und heult minutenlang, der Rotz hängt ihr im Gesicht, eine breitest ausgespielte Schmerzensszene. Es ist Nacht am Ostseestrand, Theo hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, Nettie, die ihm nachgereist ist, hat es nicht verhindern können, und nun hält sie den Sterbenden, den Toten im Arm. Große Pietà, die den langen Abspann bis zur Morgendämmerung überm Meer grundiert. Aber ja, am Schluss haben sie da oben auf der Leinwand nur noch, und das mit aller Kraft, cinéma gemacht, wie die Franzosen sagen, wenn sie die große, die falsche Gebärde meinen. Und nichts geht durch Mark und Bein.

Zwischen beiden Szenen steht nicht nur die dramaturgische und psychologische Überdehnung eines Films, für die es schon früh Anzeichen gibt, und sie häufen sich bald. Auch nicht jenes Zuviel, das man einem gewagten Vorhaben immer abziehen und nachsehen mag – sondern seine planmäßige Selbstzerstörung. Wenn man so will: sein Ziel. In seiner letzten halben Stunde verlässt Matthias Glasners „Der freie Wille“ die Perspektive des Täters Theo, die allein ihn eine Zeitlang schrecklich groß und stark erscheinen lässt. Mit geradezu vergewaltigend plötzlicher Gewalt verwandelt er das vor Aggression berstende Kraftpaket Theo in einen stillen Schmerzensmann, der sich – wahrscheinlich zwecks Erlösung der Menschheit – selbst entleibt. Und Nettie-Maria trauert dazu, mit zehn Ausrufeschreien.

Filme müssen nicht glaubwürdig sein, große Filme schon gar nicht. Sie sollen und wollen die Traum- und Nachtseite ihrer Zuschauer bebildern, sie dekonstruieren die Alltagsvernunft durch den – auch bösen – Zauber. Wenn sie das Publikum aber in die Glaubwürdigkeitsfalle locken, gar explizit in den jahrelang recherchegestützten Realismus, dann stecken sie selber mitten drin. „Der freie Wille“ setzt in schonungslosen Szenen auf die Ausleuchtung der Psyche eines Vergewaltigers – und so lange er sich, mit dem imponierend unheimlichen Jürgen Vogel in der Hauptrolle, darauf konzentriert, ist er gut. Auch die fast eine Viertelstunde dauernde Anfangsszene der Vergewaltigung am Meer: ein Schock in Realzeit, ein furchtbar erfundenes Dokument schwanzgesteuerter Unterwerfungsanarchie. Der Film, dieser Film braucht das.

Nichts anderes gilt für die Wege, die Theo nach knapp neun Jahren im Maßregelvollzug nimmt: sein Alleinsein draußen in einer rundum von Sexsignalen geprägten Warenwelt, seine Hilflosigkeit im Umgang mit Frauen und der - freie? angstgelenkte? umerziehungsbedingte? - Wille, neue Gewaltimpulse zu unterdrücken. Nichts davon entschuldigt ihn für später, sondern zeigt nur, wie schwer er es hat, sich in der oberflächlich laxen Wirklichkeit der zivilisierten Gesellschaft mit ihren Tabu-Sensorien einzuregeln.

Doch dann lernt Theo Nettie kennen, die Tochter des Druckereibesitzers, der ihm Arbeit gegeben hat. Etwas wie Liebe könnte aufkommen, das Allheilmittel so vieler Kinogeschichten: Wirkt es auch hier? Von dieser Spannung nährt sich der Film in seiner starken Mitte. Als aber – mit der Rückfall-Vergewaltigung – der düstere Held sich jeder Grundlage zum Geliebtwerden entzieht, beginnt der Film endgültig, ihn auf fatale Weise zu lieben. Und vor eben jener Wirklichkeit zu schützen, um deren Abbildung er sich doch so sorgfältig bemühte.

Es geht hier nicht um Sehnsucht nach dem Norm-„Tatort“, nach Aufklärung, landläufiger Strafe und Moral. Aber es fällt doch auf, dass der Film, der Theo erst einen Sozialarbeiter zur Seite stellt, seine Bewährung bald offenbar allein der fragilen Liebe überlässt. Oder dass das Schicksal des letzten, grausam zugerichteten Vergewaltigungsopfers ebenso wenig interessiert wie eine mögliche Fahndung. Dass der entlassene Sozialarbeiter (André Hennicke) Theo auch noch Unterschlupf gewährt, ist eine alberne, aber zu vernachlässigende Pointe. Entscheidend dagegen: Der Film verlässt sich plötzlich ganz auf die Perspektive der wissenden, liebenden, verzeihenden Sterbehelferin Nettie. Und geht daran kaputt.

Suizid von Vergewaltigern, so wissen Forensiker, ist selten. Und wenn, dann geschieht er aus Angst vor Strafe, vor Lustverlust, vor vielleicht lebenslangem Weggesperrtsein. Ihre Gewalt ist nach außen, gegen den Körper von Frauen gerichtet. „Der freie Wille“, der die hehren Erlösungsbilder selbstgewählten Todes abschöpft, sagt nicht, dass man mit allen Vergewaltigern Mitleid haben soll. Sondern geht, individualisierend, weiter: Diesen hier, diesen einen, soll man lieben. Aber dieser eine ist schon zu viel.

Ab Donnerstag in den Kinos Babylon Mitte, Cinemaxx Potsdamer Platz, Eiszeit, Kulturbrauerei und Neues Kant

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