Kultur : Aus der Stille zur Freude schöner Götterfunken

SYBILL MAHLKE

Ein stillerer Auftakt zum Eröffnungskonzert der 48.Berliner Festwochen ist nicht vorstellbar: auf dem Podium der Philharmonie erscheint der Solocellist Ludwig Quandt zusammen mit Maestro Claudio Abbado, um dem am 3.August gestorbenen Alfred Schnittke Reverenz zu erweisen.Das Berliner Philharmonische Orchester wie die Festwochen haben dem russisch-deutschen Komponisten nahegestanden.

Abbado begibt sich in den Kreis der Musiker, bevor Quandt mit dem "Madrigal in memoriam Oleg Kagan" für Violoncello solo (1990/91) von Schnittke anhebt, ein würdiges Gedenken in einsamer Position unter der Obhut der Philharmoniker-Kollegen.Die Masken zu wechseln, wie die Werke des Komponisten, des Meisters einer erworbenen Polystilistik, es häufig tun, steht diesem Stück nicht an.Es ist eine Klage, als "Madrigal" überkommenem Muster verpflichtet wie "Minnesang", die tastend leise Töne sucht, um sich zu Melodie und doppelgriffigem Lamentogestus zu verdichten.Da Ludwig Quandt das gedenkende Solo nun in memoriam Alfred Schnittke spielt, die Trauerkomposition aus Trauer um ihren Schöpfer, zeigt sich die Deploration zwiefach in ihrer musikgeschichtlichen Weite.

Das offizielle Programm, das die meisten Besucher vornehmlich um der neunten Symphonie von Beethoven willen angesteuert haben dürften, setzt vor deren Bescherung Wolfgang Rihms zwanzigminütige "In-Schrift".Sie verknüpft sich insofern mit Schnittkes "Madrigal", als sie auf ihre Weise die Renaissance wachruft.Denn das Stück ist 1995 als "Musik für San Marco" konzipiert.Hier macht der Ort, in dem die venezianische Mehrchörigkeit der Gabrielis und Merulos ihr Blütenalter erlebte, die Musik, und doch versagt Rihm es sich, seine Eingebungen auf die Emporen der berühmten Basilika zu verteilen, weil der Raum selbst in die Musik eingelassen ist.Großes Bläserensemble, Harfe, Pauken, fünf Schlagzeuggruppen und tiefe Streicher bewegen sich mit ihren Stimmen "meist in einem festumrissenen Akkordrahmen, so daß auch schnelle Musik möglich wurde ohne Verwischung" (Rihm).Der Hörer merkt es, wenn die Schlagzeuger ihre hämmernde Arbeit leisten, wenn Wucht und verhaltene Momente ineinandergleiten.Die "abgedunkelte" Komposition, von Abbado und den Philharmonikern mit sachkundiger Beteiligung aufgeführt, transportiert in ihren Neuigkeiten immer Erinnerung.

Als es dann nach der Pause endlich so weit ist, daß die "Neunte" erklingt, sich also das Festwochen-Thema "Wien" zum erstenmal in großer Besetzung erfüllt, besticht die Schlackenlosigkeit der Wiedergabe.Es gehört zu den Geheimnissen dieser Partitur, daß sie bei höchstem Herrschaftsanspruch vom Konzertpublikum am meisten geliebt wird.Wird von der Uraufführung berichtet, daß der ertaubte Beethoven mit verwirrender Wirkung ihren dritten Dirigenten mimte, um auf dem Maßstab der Interpretation zu insistieren, so reicht die Linie der Rezeption von hier aus über die gewohnheitliche Silvester-Erbauung zum Song of Joy und Tanz der Kräne in Berlins Mitte.

Was Claudio Abbado in erster Linie umzusetzen sucht, ist Beethovens Ideal der Genauigkeit.Und wenn der Geist des Komponisten, der sich musikalisch über die materiellen Möglichkeiten seiner Zeit erhebt, heute zu dem Dirigenten spricht, entsteht mit dem Philharmonischen Orchester die Inspiration, die Beethovens Utopie möglich macht.In diesem Fall "steht" die erste Steigerung so, daß das Ganze mit dialektischer Spannung und vielen Schönheiten im einzelnen gelingen muß.

Daß die reinen Instrumentalsätze mit Musikern wie Emmanuel Pahud, Hansjörg Schellenberger, Wenzel Fuchs als Anführung der sensibel abgestimmten Bläser und glänzender Präsentation der Streicher in allen Gruppen inhaltlich das Freudenfinale überfliegen, hat einen paradoxen Grund: er liegt nicht zuletzt darin, daß der fabelhafte Rundfunkchor Berlin die Schwierigkeiten seines Parts anstrengungslos bewältigt.Dagegen fehlt Abbado das "Gigantische", es liegt außerhalb seines Willens.Im vokalen Soloquartett mit Soile Isokoski, Birgit Remmert, Philip Langridge und Eike Wilm Schulte tun sich die Männerstimmen mit musikalischem Impetus hervor.

Die Instrumentalsätze indes geben dem schwergeprüften Werk den Ernst zurück, und ein Stück Philharmonikergeschichte ist darin abzulesen, wie der junge Wieland Welzel die Pauken spielt: mit dem technisch-musikalischen Anspruch, der an diesem Instrument Tradition des Orchesters ist.

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