Kultur : Aus der Tiefe des Traums

Bei Aedes feiert man das Büro 3xn, die Trendarchitekten aus Kopenhagen

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Architektur formt das Betragen, diese Erkenntnis haben die Architekten des Kopenhagener Büros 3xn verinnerlicht. Architektur veranlasst Leute, miteinander zu reden. Architektur beruhigt Kinder im Klassenzimmer. Architektur hilft Menschen, zu sich zu finden. Von derlei Überlegungen lassen sich die 3xn Architekten (der Name steht für drei mal Nielsen, die drei Gründungspartner) um Prinzipal Kim Herforth Nielsen leiten. Es geht nicht nur darum, dass Architektur als „Hardware“ zur Verfügung steht, in der die „Software“ Mensch möglichst optimal funktioniert, sondern es geht um Architektur, die zwischenmenschliches Handeln anregt und unterstützt, Verhaltensmuster formt, zur Reflexion anregt.

Wie das geht, zeigen sie derzeit in der Berliner Galerie Aedes, die mit ihrer Ausstellungsarchitektur in eine intensiv erlebte Raumwelt entführt. Dort ist zum Beispiel die Sekundarschule in Kopenhagen zu sehen, die die dänische Sekundarschulreform in Architektur umsetzt und als „gebaute Pädagogik“ international Bekanntheit erlangte. Schüler sollen ihren Unterricht selbstverantwortlich mitgestalten und akademische Kompetenz erlangen. Der einfache, kubische Baukörper verrät schon mit seiner abwechslungsreichen, mit bunten Lamellen akzentuierten offenen Fassade viel von seinem Inneren.

Dennoch überrascht der Schritt durch die Eingangstür. Eine lichte Halle mit Treppen, Pavillons und Plattformen verknüpft die offenen Lernräume auf den verschiedenen Ebenen miteinander. Der Raum hat etwas von Scharouns Staatsbibliothek in Berlin, von dessen einladender Übersichtlichkeit. In kleinerem Maßstab bieten Teilräume familiäre Situationen, in denen konzentriertes Arbeiten möglich ist. Die Lehrer haben bereits festgestellt, dass der Bau ihre Rolle geändert hat. Sie sind nicht mehr Respektspersonen, sondern Lernpartner und Moderatoren.

Eine Technische Hochschule im norwegischen Kristiansand ist vom selben Geist der gebauten Kommunikation durchdrungen, ebenso das Alsion Wissenschafts- und Kulturzentrum in Sønderborg. Dort sind die Universität von Süddänemark, ein Wissenschaftspark und eine Konzerthalle in zehn fast gleich großen blockhaften Baukörpern zu einer beeindruckenden Front am Ufer des Alsensunds zusammengefasst.

Sind diese Entwürfe noch einer moderaten Moderne verhaftet, so senden die jüngsten Arbeiten ganz andere ästhetische Signale aus, wie man sie von Snøhetta, Ben van Berkel oder Zaha Hadid kennt. Das Aquarium Blue Planet in Kopenhagen rotiert wie ein Hybrid aus Sonnenrad und Wasserwirbel und wird die Besucher suggestiv in eine Unterwasserwelt hinabziehen, die es zu entdecken gilt (Eröffnung 2013). Im nächsten Jahr schon wird das Museum Liverpool an den Docks des Mersey River seine Pforten öffnen, das mit seinen gefalteten Schollen aus der Erde aufzusteigen scheint und im Kontrast zu den ehrwürdigen Kontorhäusern aus der goldenen Kolonialzeit des Britisch Empire steht, die seinen Hintergrund bilden. Eher kristalline Strukturen zeigen die Saxo Bank in Kopenhagen mit ihrer flirrenden Rautenfassade oder die gerade fertiggestellte Bank in Middelfahrt.

Auch in Berlin steht der Bau eines 3xn-Gebäudes auf der Agenda. „Kubus“ ist der Arbeitstitel des exquisiten Baus am Washingtonplatz unmittelbar vor dem Hauptbahnhof, der hoffentlich das unsägliche Hotel verdecken wird. Dieses erste Haus am Platze ist leider nur zeitlich das erste gewesen, ein Bau mit vier Hinterhoffassaden, der das Entree der Stadt so ganz und gar nicht schmückt. Der „Kubus“ mit seiner dekorativen Relieffassade hingegen verspricht zum Blickpunkt zu werden. So klar und geometrisch eindeutig sich seine äußere Form zeigt, so differenziert und vielgestaltig soll das Innere zu erleben sein. Ein pulsierender Raum öffnet sich und gibt den Blick frei in alle Geschosse bis hinauf zum gläsernen Himmel. Zwölf Decks scheinen um das zentrale Atrium zu rotieren. Treppenläufe queren, vier Plattformen auf verschiedenen Niveaus erweitern die Halle bis zur Fassade und verbinden sie mit dem umgebenden Stadtraum.

Noch existieren die Vorstellungen der Architekten nur im virtuellen Raum. Der Investor Vivico steht in den Startlöchern, Gespräche mit potenziellen Hauptmietern für die bis zu 16 000 Quadratmeter Mietfläche sind im Gang. Eine „klassische Deutschlandzentrale“ könnte es sein, vorzugsweise aber ein Premiummieter mit Repräsentationsabsichten in Form von Showrooms oder eines Flagship Stores. Ist der gefunden, können die Bagger anrücken. Für die Wüstenei um den Hauptbahnhof wär’s ein Segen.

Bis 29. Juli. Aedes Am Pfefferberg, Christinenstraße 18-19, Di–Fr 11 bis 18.30 Uhr, Sa/So 13 bis 17 Uhr.

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