Kultur : Aus der Tiefe ein Leuchten

KLAUS HAMMER

Sein Hauptwerk, das dreiteilige "Tausendjährige Reich", entstanden 1935 bis 1938 zwischen Verhaftung, Freilassung und erneuter Verhaftung, hängt in der Dresdner Galerie Neue Meister gegenüber dem Kriegs-Triptychon von Otto Dix. Reale und sinnbildliche Mittel, Wirklichkeit und Vision verschmelzen hier zu Erscheinungen, die die tödliche Lüge des Nationalsozialismus erkennbar machen sollen. Die realistische Grundkonzeption nimmt expressionistische, ja phantastische Züge an. Wie bei den alten Meistern leuchtet die Farbe geheimnisvoll aus der Tiefe der Lasurschichten herauf, bricht sich vielfach zu rätselhaftem Spiel, ist unauswechselbarer Träger der ebenso traumversponnenen wie wirklichkeitsschweren Gesichte des Künstlers. Die Galerie Zunge hat Werke des nahezu vergessenen Malers Hans Grundig aus Museen und Privatbesitz zusammengetragen, um sie erneuter Prüfung zu unterziehen.

Und sie vermögen auch der Gegenwart standzuhalten, schlagen den Betrachter in ihren Bann. "Straßenbild" (1922), "Arbeitslose Zigarettenarbeiterin" (1925) oder "Vor dem Tor" (1932) sind Bilder des Verismus und zugleich einer Phantasie, die die Wirklichkeit in Symbolen und Zeichen faßt. Eine "Kreuzigung" von 1934 mutet wie ein verkapptes Selbstporträt an, das Leid des Gemarterten in der zerklüfteten Gebirgslandschaft widerspiegelnd. Unter den seltsam entrückten Porträts ragt das der Tänzerin Dora Hoyer (1935) heraus, von einer fast hexenhaften Magie, die Leere und Hoffnungslosighkeit ihrer Haltung setzt sich in der Landschaft mit dem Weg nach nirgendwohin fort. In seiner Radierungsfolge "Tiere und Menschen" (1934-39) gibt Grundig ein Spiegelbild der NS-Herrschaft: Da sind die willigen, grausamen Wolfsrudel, die blind ihrem Leittier folgen, die blutdürstigen, unersättlichen Tiger, Verkörperung der Herrenrasse, die Pferde, die getrieben und gejagt werden, und die Esel, die sich gegenseitig ihre dummen Köpfe einstoßen.

Grundig entwickelte mit der Kaltnadel eine ungeheure Dichte und Dramatik. Das intensive Liniengefüge ist einmal leise, fein, hauchdünn, wird dann wieder in samtig schwarzen Bündeln auf das Blatt geworfen. In zwei Jahren, zum 100. Geburtstag Hans Grundigs, werden die Dresdner Kunstsammlungen dem Künstler eine Retrospektive ausrichten.

Galerie Zunge, Wichertstraße 71, bis 16.7.; Dienstag bis Freitag 14 - 20 Uhr.

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