Kultur : Aus der Zeit gefallen

Ein Pionier lyrischer Abstraktion? Nein, er malte nicht im Affekt. Die Galerie Fahnemann zeigt Hans Hartung in neuem Licht

Christiane Meixner

Als Maler war er nicht besonders zärtlich. Seine Bilder traktierte Hans Hartung mit kratzenden Besen, Reibeisen und anderen scharfen Instrumenten, die er sich passend zurechtmachte. Später schoss er mit einer Spritzpistole Farbe auf die Leinwände – immer von einem Stuhl oder jenem Rollstuhl aus, in dem der Künstler seit seinem Einsatz an der elsässischen Front und einer schweren Verletzung 1944 saß.

Ihn mit einem solchen künstlerischen Arsenal in den Händen als Vertreter der lyrischen Abstraktion zu sehen, fällt schwer. Dennoch zählt Hartung zu den Protagonisten jener Strömung, die stilprägend für die deutsche Nachkriegszene der fünfziger Jahren wurde. Eine Kunst, von der man bis heute glaubt, ihre Bilder seien im Affekt entstanden.

In Leipzig, Hartungs Geburtsstadt, klärt nun eine große Retrospektive im Museum der Bildenden Künste über das Missverständnis auf. „Spontanes Kalkül“ heißt die Ausstellung mit zahlreichen Exponaten aus der Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergman, die im Atelier des Künstlerpaares im französischen Antibes untergebracht ist. Eine Schau, die fast alle Jahrzehnte erfasst und eine Linie von der spielerischen Formfindung früher Zeit bis zu den drastischen Farbimplosionen kurz vor Hartungs Tod 1989 zieht. Ergänzt wird die Schau durch eine Ausstellung in der Berliner Galerie Fahnemann, deren Konzept ähnlich ist: Genau wie Leipzig macht sie anschaulich, dass Hartung alles andere als intuitiv und unkontrolliert gearbeitet hat.

Da sind ein paar jener kleinen Zeichnungen, von denen der Maler in knapp drei Jahren 3000 Blätter schuf. Abstrakte Notate, auf denen die dunkle, chinesische Tusche in alle Richtungen ausschlägt. Es gibt schwarzweiße Fotografien, deren diffuse Wolkenformationen, Schneespuren startender Flugzeuge auf dem Asphalt und nächtlich erleuchtete Hochhausfenster erst einmal wenig mit Hartungs Malerei verbindet. Und es gibt seine grandiosen Bilder der siebziger und achtziger Jahre, die so unmittelbar wirken, dass nicht wenige Besucher der Galerie von ihrer Entstehungszeit verblüfft sind. Kompositionen auf leuchtend monochromen Farbarealen, deren dunstige Oberflächen Hartung anfangs mithilfe eines umgebauten Staubsaugers erzielte. Davor tanzen schwarze Linien, die sich zu wirren Knäueln versammeln, um an anderer Stelle in tausend Farbkrümel zu zerfallen. Ungewohnt sind solche vielschichtigen malerischen Eruptionen auch deshalb, weil man aus den europäischen Museen sonst weit zurückhaltendere Arbeiten von Hartung kennt.

Nicht alles in der Galerie-Ausstellung ist verkäuflich, von den Fotografien oder einem zentralen Werk wie dem drei Meter langen „T1981-K19“ mag sich die Fondation nicht trennen. Viel mehr sollen sie ergänzend dokumentieren, wie fragil die verschiedenen Aspekte im Werk von Hartung letztlich miteinander verwoben sind: So hat er manche Motive der Tuschzeichnungen, die sich wie Palmenblätter aufspreizen, akribisch auf seine großen Bilder übertragen, während die Licht- und Schattenspiele auf den Fotos eher als ästhetische Anregung dienten.

Sein amputiertes Bein zwang ihn zur Improvisation: Erst versah Hartung seine Malinstrumente mit langen Stilen, später ließ er sich von Assistenten pulverisierte Farbe in Kanister füllen und sprühte sie unter Druck mit ungeheurer Geschwindigkeit auf die grundierten Leinwände. Immer aber wurde der Künstler durch diese körperliche Einschränkung zu einer gewissen Distanz genötigt – weshalb die Effekte auf der Leinwand zwar spontan und gestisch wirken mögen, tatsächlich jedoch kalkuliert sind. Er selbst sprach von der „Anstrengung“, die ihm jedes Bild abverlange und die dennoch „nicht sichtbar sein“ dürfe. Mit der Zeit beherrschte Hartung seine Mittel dann allerdings so souverän, dass man die Anstrengung fast vergisst. Wie systematisch er die Bilderproduktion darüber hinaus betrieb, machen auch die Titel klar, die niemals erzählerisch sind, sondern neben dem Jahr ihrer Entstehung bloß eine Inventarnummer besitzen.

Hartungs Bedeutung für die jüngere Vergangenheit schmälert das nicht. Eher im Gegenteil: Ein wenig wirkt der Maler im Licht beider Ausstellungen wie ein früher Konzeptkünstler, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Galerie Fahnemann, Gipsstr. 14; bis 2. Februar, Dienstag bis Samstag 12-18 Uhr.

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