Kultur : Aus dunklem Grund

Steffen Richter

Nun wird Essen also, gemeinsam mit dem ungarischen Pecs, Kulturhauptstadt Europas 2010. Und überall liest man das Zauberwort vom „Strukturwandel“ im Ruhrgebiet. Tatsächlich besitzen die auratischen Ruinen der Industriekultur einen eigenen Charme: das Kesselhaus und die Kokerei der Essener Zeche Zollverein, das Gasometer in Oberhausen oder die Kletterwände in den Erzbunkern von Duisburg-Meiderich. Von der Trostlosigkeit und Fantasiefeindlichkeit der uniformen Nachkriegssiedlungen liest man dank großer finanzieller Anstrengungen der vergangenen Jahre wenig. Auch nichts vom Aufwachsen zwischen Fußballplatz, Kirche und Currybude. Das alles steht in den Romanen von Ralf Rothmann , die mehr über den Mythos Ruhrgebiet erzählen als alle Hochglanzprospekte und Bewerbungsreden von Politikern. Von „Stier“ bis „Junges Licht“ ist der in Berlin lebende Rothmann immer wieder in sein von Perspektivlosigkeit geprägtes Kindheitsrevier der sechziger und siebziger Jahre zurückgekehrt. Meist überleben seine Erzähler ihre Freunde, die ihr Leben „mit Karacho vor’n Baum fahren“.

Das erinnert stark an das Erfolgsdebüt von Clemens Meyer , kürzlich Star der Leipziger Buchmesse. Auch er, Jahrgang 1977, beugt sich über Kindheits- und Jugenderinnerungen, denen es an Gewalt, Orientierungslosigkeit und Tristesse nicht mangelt. Schauplatz ist allerdings Leipzig-Reudnitz. Wild und gefährlich schlägt sich die Clique um Daniel Lenz mit Autoknacken, Bierexzessen und bald auch harten Drogen durch die ostdeutschen Achtziger und Neunziger. Erzählt wird von Boxwettkämpfen, einer illegalen Techno-Disco und dem Clinch mit Neonazis. Inmitten der Verwahrlosung aber blüht erste zarte Liebe, Freundschaft – und das Gefühl „einer Art Verlorenheit in uns“. Fünf Jahre war Meyer Student am Leipziger Literaturinstitut und erbringt nun den Beweis, dass dort nicht nur Retortenprosa gezüchtet wird. Aber ähnlich wie Rothmann hat auch Meyer in allen möglichen Jobs gearbeitet: auf dem Bau, als Wachmann und Gabelstaplerfahrer. Gute Texte, meinte Heiner Müller, wachsen eben aus dunklem Grund. Ob an diesem romantischen Mythos etwas dran ist, erfährt man am 19.4. (20 Uhr), wenn Clemens Meyer mit „Als wir träumten“ (S. Fischer) ins Literarische Colloquium kommt (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Eine der wenigen kritischen Stimmen zu Meyers Roman stammt von der „Literaturen“-Chefredakteurin Sigrid Löffler. Aber ihr liegt ohnehin derzeit ein anderes Mythen-Revival am Herzen: Michael Roes’ „Der Weg nach Timimoun“ aktualisiert Aischylos’ „Orestie“, Bernhard Schlinks „Die Heimkehr“ verarbeitet Homers „Odyssee“. Vor allem aber ist da einer der größten Mythen der bundesdeutschen Literaturgeschichte: der Fall Wolfgang Koeppen, dem das neue „Literaturen“-Heft gewidmet ist. 36 Jahre lang hat Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld vom neuen Roman Koeppens geträumt – und seinen Autor derweil großzügig alimentiert. Nur dass der Roman, der schon mehrfach angekündigt war, nie geschrieben wurde. Um diverse „Träume von Literatur“ geht es am 23.4. (11 Uhr) bei Sigrid Löfflers Literatursalon in Lehmanns Fachbuchhandlung (Hardenbergstr.5, Charlottenburg). Mythen, ob sie nun aus Griechenland, dem Ruhrpott oder Leipzig-Ost stammen, stehen jedenfalls erstaunlich hoch im Kurs.

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