Kultur : Aus einer Familie

KATRIN BETTINA MÜLLER

Ein kleiner Schrank reißt groß die Klappe auf.Martin Brüger hat das gebrauchte Möbel aus weißen Spanplatten zersägt, um 90 Grad gedreht und eine blaue Platte zwischen Vorder- und Rückenteil geschoben.Die Schranktür klappt nun wie eine Markise über dem Blau auf, das den Innenraum füllt und über ihn hinauswächst.So ist der Schrank reales Ding geblieben und zugleich Ort einer Verschiebung geworden.Für diesen ambivalenten Status zwischen vorgefundenem Ready Made und ausschnitthaftem Zitat ist Martin Brüger Spezialist.

Der 1965 im Odenwald geborene Künstler beschäftigt sich seit 1994 mit Möbeln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs.In seinen Arbeiten erscheint oft als eine abstrakte Darstellung, was doch Teil eines realen Gegenstandes ist.Weiße Tafeln mit grünen Einschlüssen (von 1995) erweisen sich als Querschnitte durch eine Gießkanne, die in Gips eingegossen und anschließend in Scheiben zersägt wurde.Ein Rechteck, das an die Zeichnung eines Grundrisses erinnert, entpuppt sich als Intarsie einer Kommode, die noch halb hinter dem vermeintlichen Bildträger hängt (1996).Mit Gipsabdrücken der Hohlräume von Formverpackungen und Abformungen von Architekturelementen verdoppelt Brüger die Realität ähnlich wie die Bildhauerin Rachel Whiteread.Nur daß man bei ihm mehr ins Grübeln gerät, wo die vorgefundene Situation endet und der künstlerische Eingriff beginnt.

Seine Kunst ist doppeldeutig, kommentiert sie doch nicht nur unsere Wahrnehmung und Strukturierung der Realität, sondern auch die unterschiedlichen künstlerischen Referenz-Muster.Die Installation "Eingerichtet", die Brüger zuvor in einer Förderkoje der Art Cologne installiert hatte, erinnert an eine Küche mit Hängeschränken; doch diesmal sind die Objekte nur möbelartig.Ein Teil der nicht zu öffnenden Kästen, von denen 3 Teile nach freier Auswahl für 7000 DM angeboten werden, ist mit matten Spiegeln oder Fotos von gerasterten Fassaden verkleidet.So scheinen sie alle derselben Dingfamilie entsprungen, während ihre Oberflächen verschiedene Konzepte des Bedeutens durchspielen.Gleitend sind die Übergänge zwischen der Symbolverweigerung des weißen, geschlossenen Kastens, dem spiegelnden Bezug zur Umwelt, der den Betrachter auf sich selbst zurückwirft, und der fotografischen Abbildung.

Daß Brüger diese unterschiedlichen Weisen des Bezuges zur Außenwelt in der Atmosphäre einer Küche durchspielt, für die er die Wände der Galerie Zellberg im unteren Teil grau gestrichen hat, entbehrt nicht der Ironie.Das hat etwas von Diskurshäppchen, die unter die Schnittchen und Gürkchen gemischt sind.Der Kenner wird die Unterschiede herausschmecken.Den Laien allerdings muß diese Kost etwas trocken anmuten.

Galerie Zellberg, Chausseestraße 116, bis 30.Januar; Mittwoch bis Freitag 15-18 Uhr, Sonnabend 14-18 Uhr.

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