Kultur : Aus kritischer Nähe

Sampler für den Kunstbetrieb: ein Interviewband von Raimar Stange

Peter Herbstreuth

In seinem Buch „Sur.Faces“ stellt der Berliner Kunstkritiker Raimar Stange mit 19 Interviews und privaten Fotos den Kreis seiner Künstlerfreunde vor. Entgegen der üblicherweise geforderten „kritischen Distanz“ betont er dabei „das Einverstandensein“ als Bedingung für die Kunstkritik und favorisiert eine „kritische Nähe“ zu den Künstlern und ihren Werken. Gerade weil er mit vielen befreundet sei, schreibt Stange, habe er „seit Jahren das Werk intensiv verfolgen“ können. So sind auch die im Buch behandelten Franz Ackermann, Michael Majerus, Rirkrit Tiravanija, Silke Wagner, Peter Friedl, Olaf Nicolai, Christian Jankowski, Isabell Heimerdinger, Angela Bulloch – alle erfolgreiche Protagonisten des internationalen Kunstmarktes – von Stange oft besprochen und in ihren Absichten dargestellt worden. Diese Nähe ermöglicht Sätze, die wohl aus kritischer Distanz nicht gefallen wären: „Die Fehler bei Siebdrucken sind okay“, sagt der Ende letzten Jahres verstorbene Pop-Künstler Michel Majerus. „Genau wie meine Pickel.“ So gewitzt fusionierten Bildgrund und Haut noch nie.

Die dokumentierten Gespräche und E-mail-Korrespondenzen sind locker, mundgerecht und lassen dennoch auf manche Werke ein neues Licht fallen. „Du hast mir ein Foto eines Antiterrormülleimers gemailt; erinnert mich ein wenig an Arbeiten von Manfred Pernice“, sagt Stange. Darauf Majerus in einer genialen Deutung von Pernices Werk: „Ich fand gut, dass da etwas war, was leer war, und trotzdem konnte man nichts reinfüllen.“ Doch solche, nur für Kenner zu entziffernde Sätze haben leider einen Haken.

Denn sie kennzeichnen die Dialoge als Sampler für einen Kunstbetrieb, der gerne nach innen schaut. Als Einblick in diesen Kreis ist das Buch aber unverzichtbar. Mit Bernhard Prinz führt Stange einen werkverdächtigen Dialog mit hin- und hergeschickten Fotos. Mit Jankowski tauscht er gar die Perspektive: Der eine spricht in der Rolle des anderen. Deshalb liest man plötzlich Interna von Jankowski alias Stange, die gedruckt einen sportlichen „Bunte“-Einschlag nicht scheuen (welcher berühmte Künstler schlief mit wessen berühmter Kuratorentochter?). Der Verleger Christoph Schäfer fasst den privat-öffentlichen Cocktail im Vorwort zusammen: „Alles, was man gar nicht wissen will, Turnschuhmarken, Lieblingsfilme, career moves, Liasonen, Gerüchte, Nebenjobs, der ganze prosaische Rest und lokale Wahnsinn, hat sich längst in der Kunst selbst entfaltet.“ Darauf ist Stanges Gemisch ein Echo und für alle, die des Kritikers Freunde werden wollen, eine ebenso kurzweilige wie notwendige Investition.

Raimar Stange: „Sur.Faces“, Revolver Verlag, Frankfurt/Main 2002, 125 Seiten, 25 Euro.

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