Kultur : Aus Schaumgummi geboren

Die Amerikanerin Holly Zausner lässt in ihren Filmen die Puppen fliegen

Christiane Meixner

Der Mann liegt auf dem Bauch, als treibe er im Wasser. Dass er nicht von hier ist, sieht man sofort: Sein Körper ist weich wie Schaumstoff und seine Arme enden neben den Füßen. Bedeckt wird er von Gummiplättchen, die pink und gelb leuchten. „Spree“ heißt die große Figur von Holly Zausner in der Galerie Wohnmaschine. Statt Wasser erhebt sich ein hartes, transparentes Stück Silikon vom Boden, das als Sockel dient und tagelang von Zausner mit Fön, Handballen und Ellenbogen traktiert wurde – dank seiner Verformungen erinnert es nun an eine Wasseroberfläche, die der Wind kräuselt.

Ihr sei es wichtig, auch an den monotonen Prozessen teilzunehmen, die für das Entstehen solcher Skulpturen notwendig sind, erzählt die Künstlerin. Dazu gehört das endlose Ausstanzen der farbigen Plättchen oder die mühselige Kneterei des Silikons: „Mit der Arbeit wachsen die Ideen, und irgendwann ist klar, was die Figur tun wird“.

Seit 1996 lebt Holly Zausner abwechselnd in New York und Berlin. Dort entstehen die Objekte, hier hat sie gerade ihren zweiten Kurzfilm gedreht: Neun Minuten lang kreuzt die Künstlerin zusammen mit ihren riesenhaften Gestalten markante Orte Berlins. „Second Breath“ heißt diese filmische Arbeit, genau wie die Ausstellung in der Galerie, die außerdem noch „Spree“ (8000 Euro) und ein großformatiges C-Print (2800 Euro) zeigt. Auf dem Foto steht Zausner im weißen Trenchcoat auf einem Dach, das spitz wie ein Schiffsrumpf zuläuft und für einen Moment suggeriert, das Haus sei in Bewegung und durchpflüge die Stadt. Im Rücken der Künstlerin liegt eine zweite, gelbe Figur – diesmal weiblich und mit pinkfarbenen Einsprengseln.

Im Film erwachen die Skulpturen zum Leben, anschließend verwandeln sie sich in autonome Skulpturen: schön anzusehen, dafür aber starr und kalt. Schon in „The Beginning“ von 2003 hat sich die Künstlerin aufs Dach der Neuen Nationalgalerie gestellt und von hier aus zwanzig bis dreißig Kilogramm schwere Silikonfiguren in die Luft geworfen. Das ist harte Arbeit und steht im Kontrast zu den luftigen Bewegungen, die die farbigen Objekte vor leuchtend blauem Himmel beschreiben.  Diesmal trägt Zausner ihre Schaumgummi-Protagonisten von Ort zu Ort. Sie tanzt, flieht, kämpft, springt mit der weiblichen Figur in die Spree und lässt sich am Ende im funkelnden Wasser treiben. Dazwischen gibt es Sekunden von ungeheurer Intensität: Etwa auf dem Winterfeldtplatz, wo Zausner für einen Moment zu Atem kommt und plötzlich sehr einsam wirkt, während um sie herum der Samstagmarkt tobt, oder in der leer geräumten Nationalgalerie beim Tanz mit einer dritten Skulptur aus stahlblauem Mohair.

Jede davon ist ein Alter Ego der Künstlerin. Manche Sequenzen stellen Szenen aus Filmen von John Cassavetes oder Wong Kar Wai nach. Doch dahinter verbirgt sich noch ein anderes Thema, das Holly Zausner ungleich direkter berührt, weil es nach den Möglichkeiten und Grenzen ihres Genres fragt, sobald sie ihre Skulpturen in Bewegung  bringt. Gleich einem Jean Tinguely oder Günther Uecker macht Zausner ihre Objekte lebendig – nicht mechanisch allerdings, sondern dank der eigenen Körperkraft. So schreibt sie die Geschichte vom Künstler, der seine Schöpfung mit allen Mitteln beleben will und der in Ovids Pygmalion seinen mythischen Ursprung hat, höchst eigenwillig fort.  Zwar bietet auch Holly Zausner alle Kräfte auf, doch weil man sieht, dass sie selbst ihre Skulpturen nur für kurze Zeit bewegen kann, erzählt sie bei aller poetischen Schönheit gleichzeitig vom Scheitern.

Galerie Wohnmaschine, Tucholskystraße 35, bis 26. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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