Kultur : Aus Scherben geschält

Helga Trenkwalder, seit 1978 Leiterin der österreichischen Grabungen im Irak, hat in Bagdad das geplünderte Nationalmuseum besucht

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Frau Trenkwalder, Bilder aus dem geplünderten IrakMuseum in Bagdad sind rar geworden. Sie waren aber gerade für zwei Wochen da. Wie sieht es dort jetzt aus?

Wenn Sie die Bilder meinen von umgestürzten Vitrinen, zertrümmerten Statuen und Scherbenhaufen – so sieht es immer noch aus. Man hat bisher nicht saubergemacht, weil das FBI am Tatort noch Spuren sucht. Ich bin da vorsichtig hindurch gelaufen, und unter meinen Füßen hat es geknirscht.

Immerhin soll das Museum jetzt endlich abgeriegelt sein.

Es ist schon makaber – Wächter schützen die Zerstörung.Aber es stimmt: Vor dem Museum steht jetzt ein Panzer, und nebenan, im Garten vor der irakischen Antikenbehörde, sind drei Landrover mit Sicherheitskräften stationiert. Drinnen laufen Beamte vom Zoll und vom FBI zusammen mit Soldaten in Vierer-Teams herum, zählen kaputte Türen, die ersetzt werden müssen und verhören alle, die die Plünderungen beobachtet haben.

Und wer darf rein?

Nur die, die auf einer speziellen Liste der Direktorin stehen. Ich stand drauf, aber man hat mich trotzdem nicht immer reingelassen. Während der Plünderungen haben die Amerikaner nichts getan – Freunde haben mir sogar erzählt, dass sie den Mob ermuntert haben –, und nun übertreiben sie ins Gegenteil: Die jungen Kerle, die da Wache halten, sind hysterisiert! Sie denken: Wenn im Museum mehr als fünf Leute zusammen sind, machen sie ein Attentat. Einmal hat mich einer so herum kommandiert, dass ich ihm deutlich sagen musste, wie respektlos es ist, eine ältere Dame anzuschreien.

Zurzeit ist es schwer, in den Irak zu reisen. Sogar die Unesco-Delegation ist aus Sicherheitsgründen gerade zum dritten Mal verschoben worden. Wie haben Sie das geschafft?

Das war kurios. Ich hab ein Visum bekommen, weil die irakische Botschaft in Österreich noch geöffnet war. Es wusste aber keiner, ob dieses Visum auch gültig ist. Ich bin also einfach losgefahren, zusammen mit dem österreichischen Handelsdelegierten, der nach dem Rechten sehen wollte. Ich hätte es nicht ausgehalten, noch länger zu warten. Ich hatte ja gar keine Informationen, was mit den Leuten ist, mit denen ich seit 25 Jahren zusammenarbeite und mit meinem Tempel-Turm in Borsippa. Und dann die furchtbaren Berichte über das Museum…

Die Verlustmeldungen sind aber nach wie vor sehr unterschiedlich. Anfangs hat die Museumsleitung von 170 000 gestohlenen Exponaten gesprochen. Nun gehen einige Experten immerhin noch von 100 000 aus. Dagegen hat John Curtis, Fachbereichsleiter am British Museum, bei seinem Besuch vor zwei Wochen festgestellt, dass – zumindest in der Ausstellung – nur 40 wertvolle Stücke fehlen.

Die Bestandsaufnahme, die Curtis begonnen hat, ist bestimmt noch nicht abgeschlossen. Ich persönlich glaube auch nicht, dass 100 000 Exponate gestohlen worden sind. Aber sehr viel mehr als 40 sind es sicher. Was fehlt, hat man nur noch nicht vollständig beziffern können, weil in manchen Teilen des Gebäudes immer noch der Strom fehlt. Aber Zahlen sind ja auch nicht ausschlaggebend. Schon ein einziges, kleines Stück kann einen unschätzbaren ideellen und materiellen Wert haben. Schließlich beherbergt dieses Museum eine der weltweit wichtigsten und größten Sammlungen zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte.

In Europa finden derzeit viele Konferenzen statt, die die Rettung der gestohlenen und gefährdeten Kulturschätze behandeln: bei der Unesco, bei Interpol, und Dutzende auf Museenebene – ist im Irak schon etwas zu spüren von der geballten Hilfsbereitschaft?

Nein. Die Betroffenen sind immer noch auf sich gestellt – fünf Wochen nach der Katastrophe! Das muss man sich mal vorstellen. Die Unesco arbeitet viel zu langsam. Es muss endlich angepackt werden. Handfest. Wer hilft, die überall verstreuten Dokumente zu sortieren? Wer bestellt neue Vitrinen? Die irakischen Kollegen beginnen jetzt zwar mit dem Aufräumen, aber doch irgendwie hilflos. Wo anfangen, bei dieser Zerstörung? Ich habe tagelang in zwei Dia-Archiven der Antikenbehörde geholfen – so ein Chaos.

Wie sah das aus?

Die Klimaanlage aus den Wänden gerissen, die Telefone zerstört, Laden aus den Schränken geworfen, Fixierbad über Dias geschüttet und drauf herum getrampelt. Mit bloßen Händen haben wir die Bilder aus den Scherben geschält. Die Mädchen mit denen ich gearbeitet habe, haben geweint, ich war auch fassungslos. Das ist nicht nur körperlich harte Arbeit, das geht auch an die Seele.

Dabei sind Sie eher der robuste Typ. 1991 gehörten Sie zu den Ersten, die sich nach dem Golfkrieg wieder ins Land trauten, Sie haben auch während des Embargos gegraben und waren noch Mitte März, kurz vor Kriegsausbruch, im Land, um mit dem Scheich ein Schutzabkommen für Ihre Ausgrabung auszuhandeln. Wie haben Sie den Irak diesmal erlebt?

Ich hatte keine Angst, wenn Sie das meinen. Ich habe ein Motto meines Vaters beherzigt, der oft gefährliche Bergtouren unternommen hat: Mut verloren, alles verloren, heißt es. Aber die Bilder waren doch schlimm. Ich hab in Mansur, einem Stadtteil von Bagdad, eine Wohnung. In der Nähe liegt jetzt ein Krater. Da haben die Amerikaner Bunkerknackerbomben in ein Haus geworfen, weil sich Saddam angeblich dort aufhielt. Sechs Menschen sind gestorben, bei Nachbarn lag eine halbe Leiche im Garten, bei mir sind alle Scheiben zersplittert. Ich war völlig ungesichert, man hätte mit einem Tritt in die Wohnung gelangen können. Strom gab’s auch nicht, also keine Kühlung. Der Joghurt ist mir zu Käs’ geworden.

Korrespondenten erzählen von Straßen-Schießereien.

Vorläufig herrscht Anarchie. Es gärt. Die Menschen verstehen nicht, was passiert, was die Zukunft bringt. Ich kenne eine alte Dame, Emel Khudery, die noch vor zwei Monaten ein kleines Kulturzentrum hatte, in dem sich Botschaftsleute und Künstler trafen: eine Oase in einem schönen Haus. Jetzt ist es ausgeraubt, und die alte Dame ist ein Wrack. Ich hab mich um sie gekümmert, weil sie einfach mal reden musste. Es gab viele, viele solcher Gespräche.

Wen machen die Menschen für ihre Lage verantwortlich?

Die Amerikaner. Man hasst sie. Das ist auch kein Wunder. Es hat mich fassungslos gemacht, wie unsensibel sie zu Werke gehen. Ich habe gesehen, wie Soldaten im Garten der Antikenbehörde in Shorts rumlaufen – und das inmitten der islamischen Mädchen, die dort arbeiten. Die Soldaten sind so unvorbereitet auf die fremde Kultur. So gedankenlos. Außerdem werden Lebensmittel immer teurer. Ein Weißbrot hat im März noch 50 Dinar gekostet, jetzt sind es 80, und die Menschen bekommen keine Gehälter mehr. Wenn die Amerikaner von Anfang an eine ordentliche Versorgung organisiert hätten, wäre die Wut jetzt nicht so groß.

Als erste der Archäologen haben Sie auch nach Ihrer Ausgrabung schauen können – im Taxi, obwohl empfohlen wird, außerhalb der Stadt nur in Militärkonvois zu fahren…

Ich war doch mit zwei Begleitern unterwegs. Wir haben auch in Babylon Halt gemacht. Die beiden kleinen Museen sind leider zerstört. Wir konnten durch offene Türen hineinspazieren, ich stand vor leeren Vitrinen. Meine Grabung in Borsippa ist aber unversehrt geblieben, weil sie weit genug von den Kriegshandlungen entfernt lag. Und natürlich, weil ich zu den Leuten ein gutes Verhältnis habe. Sie rauben nicht. Der Scheich hat noch im März zu mir gesagt: Mach dir keine Sorgen, du bist ein Teil von uns.

Wissen Sie schon, wann Sie weiter arbeiten können?

Das wird noch spannend. Bei der ersten Unesco-Konferenz in Paris hatte ich zwar angeregt, alle Grabungen schnell weiterzuführen – auch zum Schutz vor Plünderern. Die Gefahr ist ja nicht gebannt: Solange die Stätten so frei zugänglich sind wie jetzt – die Wächter dürfen ja nicht einmal Waffen tragen – machen die Antikendiebe weiter. Aber wann und ob wir Archäologen wieder anfangen dürfen, hängt davon ab, was die Besatzungsmächte entscheiden. Es kann passieren, dass die Briten und die Amerikaner auch die Grabungslizenzen neu verteilen – und dann vielleicht nur an eigene Experten.

Das Gespräch führte Christine-Felice Röhrs

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