Kultur : Aus Schuld wird Verantwortung André Schmitz erhält den Heinz-Galinski-Preis

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Wofür erhalten Personen eigentlich den Heinz-Galinski-Preis, den die Jüdische Gemeinde Berlins im Gedenken an den Auschwitz-Überlebenden und ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden Heinz Galinski jährlich vergibt? Unter anderem für die „Verständigung zwischen der jüdischen Gemeinschaft und ihrer gesellschaftlichen Umgebung“. Am Dienstag wurde der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten André Schmitz in einem Festakt in der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße mit dem diesjährigen Preis geehrt. Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper Berlin, zeichnete in der Laudatio nicht nur launig die Arbeitsstationen Schmidts nach – Referendar beim Hamburger Kultursenator, Verwaltungsdirektor an Castorfs Volksbühne, Chef der Senatskanzlei usw. Sichtlich ergriffen lobte er vor allem Schmitz’ umfangreiches Engagement für eben diese „Verständigung“, für die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“, für das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ oder das Berliner Gedenktafelprogramm aus einer, so Flimm, „Christenpflicht“ heraus. Lala Süsskind, Vorsitzende des Kuratoriums der Heinz-Galinski-Stiftung, dankte Schmitz dafür, dass er sich für die Aufnahme des Jüdischen Friedhofs Weißensee in das Weltkulturerbe der Unesco einsetzt. Es besteht also kein Zweifel, dass Schmitz diesen Preis – wenn man es so formulieren darf – sehr zu Recht erhielt.

Gleichwohl sprach die „taz“ in einem Artikel vom vergangenen Samstag von einem „Schatten“, der auf den Preis falle, weil Schmitz als Vorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung, (und Adoptivsohn von Pauline Schwarzkopf), auf der Website der Stiftung die NS-Vergangenheit des Kosmetikunternehmers Heinz Schwarzkopf verharmlose. Das ist freilich effekthascherischer Unfug. Schmitz selbst war es, der eine Untersuchung zu Heinz Schwarzkopf in Auftrag gab und die Stiftung umbenannte, als herauskam, dass er Mitglied von SA, SS und NSDAP war, was genau so auf der Website steht. Von Beschönigung kann also keine Rede sein. „Hier fällt kein Schatten“, sagte Michael Joachim von der Galinski-Stiftung. „Bei uns gibt es keine Sippenhaft“, ergänzte Lala Süsskind.

Dennoch haftet der Distanzierung auf der Website eine Zaghaftigkeit an – da ist die Rede davon, dass der „Vorbildcharakter“ Schwarzkopfs aufgrund der „neuen Informationen aber unsicher“ sei –, die auf den zweiten Blick ihre Befremdlichkeit (zumindest teilweise) verliert: Schwarzkopf war nach dem Krieg, wohl aus Reue, stark ehrenamtlich tätig, setzte sich für Jugend und Völkerverständigung ein.

André Schmitz ging in seiner Dankesrede auf diese Sache nicht ein, indirekt aber doch. Sein Engagement gegen das Vergessen hatte eine Art Initialzündung, und die ist wohl der Schwarzkopf-Stiftung zu verdanken. Als Hamburger Schüler, erzählte er, reiste er mit einer von der Stiftung ausgerichteten Gruppenreise nach Auschwitz und sah dort auch Koffer ermordeter Juden. Auf einem Koffer stand eine Hamburger Adresse, die nicht weit von seinem Wohnort lag. Der Tote hatte keinen Namen und kein Gesicht, nur einen Koffer mit einer Hamburger Adresse.

Es gibt diesen Spruch: Aus Schuld (auch der anderen) wird (nur die eigene) Verantwortung. Andreas Schäfer

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