Kultur : Aus Versehen entführt Richard Hughes’ Roman

„Orkan über Jamaika“.

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In der nicht abreißenden Reihe der wiederentdeckten angelsächsischen Autoren ist er einer der neuesten: der 1900 geborene britische Autor Richard Hughes, der 1976 starb. Hughes war schon nach Veröffentlichung eines ersten Gedichtbandes Anfang der zwanziger Jahre ein Star in den Oxforder Literatenkreisen – richtig bekannt allerdings machten ihn erst zwei mitreißende Seefahrerromane. Im vergangenen Jahr brachte der Schweizer Dörlemann Verlag Richard Hughes’ allegorisches Hauptwerk „In Bedrängnis“ heraus, in dem das Dampfschiff Archimedes vor der Karibik in einen heftigen Sturm gerät, der den angeblich unsinkbaren Koloss in einen stählerne Toteninsel verwandelt.

Nun schickt der Verlag Hughes’ Debütroman „Orkan über Jamaika“ aus dem Jahr 1928 in einer gelungenen Neuübersetzung hinterher. Auch hier spielt ein Sturm eine wichtige Rolle, aber – anders als es der Titel vermuten lässt – er hat nur eine auslösende Funktion. Nachdem ein Orkan das Haus der auf Jamaika lebenden Familie Thornton wegfegt hat, beschließen die Eltern, die zehnjährige Emily und ihre jüngeren Geschwister zur Sicherheit nach England zurückzuschicken.

Von wegen Sicherheit! Auf der Überfahrt werden sie und weitere Kinder mehr oder weniger aus Versehen von Seeräubern entführt, und jetzt geht das Abenteuer erst richtig los. Obwohl: Die Seeräuber entpuppen sich als eigentlich recht umgängliche und von der Vornehmheit ihrer Geiseln eingeschüchterte Gesellen.

Die eigenbrötlerische Emily darf sich sogar mit dem Kapitän anfreunden und nach einer Verletzung in seinem Bett übernachten. In Wirklichkeit jedoch ist nicht Emily die Hauptfigur dieses Romans, sondern der abgründige Erzähler, der sich dem anarchischen, unberechenbaren Leben auf See gewissermaßen angleicht und auf beeindruckend trittsichere Weise macht, was er will.

Mal berichtet er mit achselzuckender Kolonialistenabgebrühtheit vom Unfalltod eines der Jungen (passiert schnell, sowas), mal seziert er die Bordrituale wie ein schwarzhumoriger Gesellschaftschronist – dann wieder schlüpft er in die Augen der zwischen Verstörung, Abenteuerlust und Cliquengrausamkeit hin und her schlingernden Kinder, die die Gefahr, in der sie leben, nicht sehen. Oder das, was die Matrosen in den Nächten mit dem ältesten Mädchen von ihnen tun, lieber nicht sehen wollen. Ein großartiges Buch. Andreas Schäfer

Richard Hughes: Orkan über Jamaika. Roman. Aus dem Englischen von Michael Walter. Dörlemann Verlag, Zürich 2013. 253 Seiten, 19, 90 €.

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