Kultur : Aus, vorbei

Kirchners Berlin-Bild bei New Yorker Auktion

Bernhard Schulz

Aufregung vor der Auktion von Christie’s am heutigen Abend, bei der unter anderem die frisch aus dem Brücke-Museum restituierte „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner zum Aufruf kommt: Zunächst untersagte ein New Yorker Gericht den Verkauf des auf 40–60 Millionen Dollar taxierten Picasso-Porträts „Angel Fernández de Soto“ von 1903. Das Gemälde ist womöglich auf Druck der Nazis 1935 nach dem Tod seines ursprünglichen Eigentümers verkauft worden, Paul von Mendelssohn-Bartholdy aus Berlin. Dessen Nachfahr Julius H. Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Instituts, hatte die Verfügung erwirkt – und wurde gestern von einem zweiten Gericht abgewiesen. Das Picasso-Gemälde darf versteigert werden.

Wie auch der Kirchner: Bis Ende Juli hing die „Straßenszene“ im Berliner Brücke-Museum. Kaum an die Erben der jüdischen Alteigentümer restituiert, tauchte es im Auktionskatalog auf. Doch die Verärgerung, die die nach Meinung von Kritikern voreilige und ungerechtfertigte Restitution und ihr kurzer Weg zur Handelsware hervorgerufen haben, verkennt die Selbstverpflichtung, die sich Deutschland in einer „Handreichung“ für öffentliche Einrichtungen auferlegt hat. Danach muss auch beim leisesten Verdacht auf NS-Unrecht an die Anspruchsteller zurückgegeben werden.

Im Ausland wird deutschen Museen vorgeworfen, sich zu wenig um die Provenienz womöglich anspruchsbehafteter Kunstwerke gekümmert zu haben. Verstärkt durch den spektakulären Fall Kirchner, sehen sie eine Lawine von Rückgabeforderungen auf sich zurollen. Diese Befürchtung schreckt nun auch die Politik auf. Kulturstaatsminister Bernd Neumann lädt für den 20. November eine hochkarätige Runde von Museumsleuten, Kulturverwaltern und Juristen ins Kanzleramt, um – wie es in seinem Einladungsschreiben heißt – „konkrete Hinweise zu einer möglichen Optimierung der ,Handreichung‘ zu erhalten“. Es dämmert die Erkenntnis, dass die Bundesrepublik bei der Umsetzung der „Washingtoner Erklärung“ von Ende 1998, mit der die weltweite Restitutionspraxis einsetzte, zu vertrauensselig verfahren ist. Denn nicht mehr betagte Alteigentümer sprechen in den Museen vor, sondern hochprofessionelle Teams aus Anwälten und Kunsthändlern – womöglich angesetzt von schwerreichen Sammlern, die sich belastete Spitzenwerke wie Kirchners Berlin-Bild gezielt heraussuchen.

Heute Nacht wird man am Namen des zahlungskräftigen Erwerbers erkennen, ob sich dieser Verdacht erhärtet. Zudem darf man auf die Fortsetzung des Picasso-Streites gespannt sein. Denn der – erfolgreiche – Einwand des Noch-Eigentümers Andrew-Lloyd-Webber-Stiftung, das Bild sei jahrelang unbeanstandet in Ausstellungen zu sehen gewesen, trifft ebenso auf den Berliner Kirchner zu. Die international eingespielte Restitutionspraxis macht’s möglich: Ansprüche dürfen jederzeit gestellt werden, auch noch in ferner Zukunft.

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