Kultur : Aus Zeit wird Klang

VOLKER STRAEBEL

Eines ihrer prominentesten Mitglieder begeht seinen 70.Geburtstag und die Akademie der Künste schweigt.Die fast zur Bedeutungslosigkeit abgesunkene Sektion Musik überläßt es Pfarrer Thomas Ulrich von der Philipp-Melanchton-Kirche, dem Jubilar Karlheinz Stockhausen ein zweitägiges Geburtstagsfest auszurichten.Sie überläßt damit auch - dem gegenwärtigen Denken Stockhausens durchaus entsprechend - die Kunstmusik der sakral konnotierten Rezeption.Dem "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Jh 20,29) des Altarbildes, unter dem der Musikwissenschaftler Albrecht Riethmüller von der Freien Universität mit seiner Laudatio Kollegenschelte betrieb, möchte man "Wer Ohren hat, der höre!" (Mt 11,15) entgegenstellen.Denn so viel in diesen Tagen von Stockhausens Mystizismus und dem Weltenraum als seiner inspiratorischen Quelle die Rede ist, so wenig spricht man, und sprach man hier, von Stockhausens Musik selbst.

So mag man denn glauben, die "Kontakte" für elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug (1958-60) hätten transzendente Qualitäten, wer den strukturalistischen Hintergrund ihrer Entstehung nicht sieht.Der Übergang von Zeit- in Klangstruktur durch die Beschleunigung rhythmisierter Impulsketten im Tonband- und die Verbindung von Vorschlagsfiguren mit Trillern oder Wirbeln im Instrumentalpart stiftet Einheit auf irdisch-materialer Ebene.

Daß die hier ebenfalls angelegte akustische Verschmelzung von Live- und Lautsprecherklang nicht so recht gelingen wollte, lag nicht nur daran, daß die Musiker entgegen der Anweisung Stockhausens außerhalb des vom 4-Kanaltonband aufgespannten Raumes plaziert waren, vielmehr nutzten Jutta Philippi und Claudia Sgarbi die Elektronischen Klänge eher - nicht immer präzise - als Einsatzgeber und Hintergrundfolie, nicht aber als gleichberechtigten Partner.So verhinderten die sonst genau und klanglich außerordentlich differenziert agierenden Musikerinnen durch dynamische Dominanz ein lebendiges Zusammenspiel mit dem wunderbaren Tonband, besonders in den Strukturen VII und XI.

Diese Probleme hatten sie im Ensemble mit Anna Clementi (Stimme) und Carin Levine (Flöten) nicht; Stockhausens Intuitive Musik "Unbegrenzt" (1968, "Aus den sieben Tagen") bereitet andere.Die nur aus dem Satz "Spiele einen Ton mit der Gewißheit, daß du beliebig viel Zeit und Raum hast" und einem gezeichneten Wellenberg bestehende Partitur übersetzten die Musikerinnen in freier Improvisation in einen halbstündigen, langsam verebbenden Klangstrom.Daß sie den gesamten Prozeß als einen Ton verstanden und deshalb in sensibler Reaktion aufeinander Generalpausen konsequent vermieden, ist nachvollziehbar, nicht jedoch, daß sie die Graphik ignorierten und mit einem raschen Orgelcrescendo ihre Performance begannen.So mutete das Geschehen, in dessen Verlauf die wohl ausgehörten Klänge ihren Weg von den Emporen auf die Bühne fanden, eher wie eine umgekehrte Fassung von "Ylem" (1972) an.Mit Freiheit ist eben nicht leicht umzugehen.

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