Kultur : Ausbau Ost

Das Stadtmuseum Berlin erhält ein zweites Haus – jetzt fehlt nur noch das Profil

Michael Zajonz

Es ist ein Märchenschloss, das Stadtbaurat Ludwig Hoffmann vor hundert Jahren den Berlinern für ihre stadtgeschichtliche Sammlung gebaut hat. Eine Collage aus märkischer Backsteingotik und Renaissance, mit mächtigem Turm und filigranen Giebeln. Das 1908 am Köllnischen Park in Mitte eingeweihte Märkische Museum erscheint älter, als es ist.

In die Jahre gekommen ist das Stammhaus der Stiftung Stadtmuseum Berlin allerdings – leider ganz unmärchenhaft. Als Museums- und Ausstellungshaus platzt das Hauptdomizil des mit 4,5 Millionen Sammlungsobjekten größten Stadtmuseums Europas aus allen Baunähten. Seit zehn Jahren wird am Märkischen Museum saniert. Und zwar so, wie es das Bauunterhaltbudget der Senatsbauverwaltung gerade zulässt: klein in klein. Rund 500 000 Euro stehen derzeit dafür pro Jahr zur Verfügung. Die Pläne für eine Sanierung der historischen Fassaden und zur Ertüchtigung der Innenräume hat die Berliner Architektin Christina Petersen längst gezeichnet. Doch seit der Eröffnung der vorbildlich sanierten zentralen Großen Halle im Sommer 2001 stocken die Um- und Ausbaupläne. Museumsmitarbeiter und Besucher stolpern durch ein Provisorium.

Nun soll alles besser werden. Am Dienstag beschloss der Senat, 36,5 Millionen Euro bereitzustellen, um das Märkische Museum fertig zu sanieren und das benachbarte Marinehaus am Köllnischen Park 4 als Erweiterungsbau herzurichten. Die Zustimmung des Abgeordnetenhauses steht zwar noch aus, doch Kulturstaatssekretär André Schmitz und die Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum Franziska Nentwig präsentierten gestern schon mal ihre Konzeption.

Das 1908 gebaute Marinehaus soll ab 2010 für 23,8 Millionen Euro denkmalgerecht saniert und museumsgerecht ausgestattet werden. Das sei „die sinnvollste Möglichkeit, das Märkische Museum zu erweitern“, betonte Schmitz gestern. Im Marinehaus könne ab frühestens 2012 auf 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche Berliner Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert präsentiert werden. Die Sanierung des für die ältere Geschichte reservierten Märkischen Museums will man 2012-2014 fertiggestellt haben. Der dort ursprünglich geplante Ausbau der Dachgeschosse für Ausstellungszwecke entfällt, dafür soll künftig ein neues zentrales Treppenhaus den Hoffmann-Bau erschließen. Für Kontroversen mit der Denkmalpflege dürfte gesorgt sein.

Für das bereits in Landesbesitz befindliche Marinehaus gibt die Stiftung Stadtmuseum fünf bisherige Standorte auf: zwei derzeit nicht öffentlich zugängliche Häuser in der Brüderstraße in Mitte, einen Verwaltungsbau im Nicolaiviertel, die Sammlung Kindheit und Jugend in der nahen Wallstraße sowie die Naturwissenschaftliche Sammlung in der Charlottenburger Schlossstraße. Rund 7 Millionen soll der Verkauf dieser Immobilien einbringen, die ausnahmsweise hundertprozentig in den Ausbau des Stadtmuseums reinvestiert werden. Weitere 10 Millionen steuert die Lotto-Stiftung bei. Alles in allem ein schöner Erfolg für die stille Überzeugungsdiplomatie von Schmitz.

Keinesfalls werden sich jedoch mit den Umbauten im Märkischen Museum und im Marinehaus die eklatanten Strukturprobleme der 1995 gegründeten Stiftung Stadtmuseum verflüchtigen. Von Anbeginn wurden an der vom Gründungsdirektor Reiner Güntzer konzipierten Stiftungskonstruktion die kaum überschaubaren, weil über das gesamte Stadtgebiet verteilten Standorte und das unscharfe Sammlungsprofil kritisiert. Die von Schmitz’ Vorgänger Thomas Flierl geplante Fusion der großen und kleinen Berliner Landesmuseen wie Berlinischer Galerie, Brücke-Museum und Märkischen Museum zu einer gemeinsamen Stiftung nach dem Vorbild der Opernstiftung ist nicht zuletzt auch am Reformstau im Stadtmuseum gescheitert. Die Anfang 2006 gestartete neue Generaldirektorin Franziska Nentwig hat die in sie gesetzten Erwartungen zur inhaltlichen Neuprofilierung des Hauses bislang enttäuscht. Und ebensowenig haben die Mitarbeiter der Stiftung den Nachweis erbracht, eine repräsentative Gesamterzählung der Stadtgeschichte pointiert und zeitgemäß formulieren zu können.

Wie auch? Das Ausstellungsbudget beläuft sich 2007 auf gerade einmal 150000 Euro, der Ankaufsetat einschließlich der Kosten für die konservatorische Unterhaltung der vorhandenen Bestände liegt bei lächerlichen 27000 Euro. Das macht Ankäufe unendlich mühsam und jede Sonderausstellung für Kuratoren zur Achterbahnfahrt, bei der nicht nur konzeptionelle Arbeit gefragt ist, sondern ebenso das Einsparen von Portokosten für Einladungen zur Ausstellungseröffnung oder ein Nachdenken darüber, ob man bereits vorhandene Ausstellungsarchitekturen wiederverwenden könnte. Als das Stadtmuseum parallel zur MoMA-Ausstellung im Ephraim-Palais eine fantastische Ausstellung der New Yorker Fotografin Berenice Abbott zeigte, blieben die Besucher aus, weil das Geld für Plakate in der Stadt fehlte. Reine Ressourcenverschwendung.

Braucht Berlin so ein systematisch mager gespartes Museum überhaupt noch? Dass dort weiterhin vorbildliche Arbeit geleistet wird, haben in den letzten Jahren Ausstellungen zum Stadtbild-Maler Eduard Gaertner, zur jüdischen Berliner Familiendynastie Beer/Meyerbeer/Richter oder zur Salonkultur der Biedermeierzeit gezeigt. Sie könnten noch viel erfolgreicher sein, wenn man sie adäquat präsentieren und bewerben würde.

Die großartigen, zu Unrecht kaum bekannten Sammlungen des Stadtmuseums reichen von Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte bis zu Edvard Munchs kapitalem Porträt Walther Rathenaus von 1907, das auch in der Nationalgalerie glänzen würde. Wer das Haus zwar saniert und erweitert, aber zugleich die Institution weiter verkommen lässt, porvoziert ein kulturpolitisches Desaster.

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