Kultur : Ausdrucksstark

Umgeräumt: die Sammlung der Neuen Nationalgalerie

Jens HinrichsenD

Die Haupthalle ist die Ruhe selbst. Nur ein paar Stolpersteine hat Ulrich Rückriem ausgelegt: die dritte Variation seiner 1998 speziell für die Neue Nationalgalerie entworfenen „40 Bodenreliefs“. Die flachen Quadrate mit den rau aufgebrochenen Oberflächen sind exakt ins polierte Granitbodenraster eingepasst.

Im Souterrain des Mies’schen Tempels geht es dagegen wüst zu. Das Gros der Ausstellungsfläche gehört der „Macht des Expressiven“. 1991 schenkte der Münchner Galerist und Sammler Otto van de Loo der wiedervereinigten Nationalgalerie 55 Werke, die nun den Kern einer Neupräsentation bilden, ergänzt durch weitere Museumsbestände.

Es ist ein weiter, wilder Bogen, der sich von Edvard Munch und Max Beckmann bis hin zu jüngeren Expressiven wie Miriam Cahn und Max Neumann (beide Jahrgang 1949) spannt. Die Präsentation besticht mit kontrapunktischen Gegenüberstellungen, weicht aber nicht allzu sehr von kunsthistorischer Chronologie ab. Äpfel werden nicht mit Birnen verglichen, Karel Appel nicht mit Pablo Picasso. Ernst Ludwig Kirchners Davos-Gemälde, Ernst Wilhelm Nays figurative Frühwerke oder Arnulf Rainers Übermalungen werden auf angemessene Distanz zueinander gehalten.

Die ungeheure Bandbreite des Ausdruckshaften, fürwahr ein weites Feld, wird in manchen Engführungen besonders sinnfällig, etwa im Stilkontrast zwischen Günther Damischs fast pointillistisch irisierenden Farbverwehungen („Geburt“, 1986, „Tod und Verklärung“, 1985) und Hans Matthäus Bachmayers großzügigen Pinselschwüngen („Die Wächter des Absturzes“, 1984).

Dass dem Mäzen van de Loo der große dänische Maler Asger Jorn (1914-1973) besonders am Herzen liegt, bleibt nicht verborgen. Die Arbeiten des Gründers der Gruppe Cobra und seiner Mitstreiter aus Copenhagen, Brüssel und Amsterdam (daher das Kürzel) bilden einen Kristallisationspunkt sowohl der Privatsammlung als auch der Ausstellung. Jorn, Gründer des „Skandinavischen Instituts für vergleichenden Vandalismus“ überwältigt noch stets mit seinen zwischen Figuration und Ungegenständlichkeit hin- und hergerissenen Gemälden.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Avantgardisten der Münchner Gruppe Spur. Die starkfarbigen, orgiastisch ausfransenden Großformate H. P. Zimmers beeindrucken am nachhaltigsten. Er und seine Kollegen bezeichneten die abstrakte Malerei als „hundertfach abgelutschten Kaugummi“. Die minimalistische Skulptur schätzten die fünf Spur- Künstler ebenso wenig. Wer nach einer wildbewegten Ausstellungsexpedition wieder neben Rückriems introvertierten „40 Bodenreliefs“ auftaucht, dem fallen die bröckeligen, wie Landschaftsausschnitte wirkenden Kanten der Steine besonders auf: Expression in homöopathischer Dosis. Jens Hinrichsen

 Neue Nationalgalerie, Rückriem bis 26. April, Slg. van de Loo bis 10. Mai.

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