Kultur : Auserwählte Außenseiter: Arthur Herzbergs eigenwillige Darstellung des Judentums

Igal Avidan

Es gibt einen jüdischen Charakter. Das jedenfalls stellt der jüdische Religionswissenschaftler und ehemalige Reformrabbiner Arthur Herzberg fest: Die Juden sind auserwählt, zerstritten und Außenseiter. In den ersten Kapiteln seines neuen Buches "Wer ist Jude?" beschreibt er auf sehr persönliche Art diese Eigenschaften. Da das Buch auch für Nichtjuden geschrieben wurde, betont Herzberg, dass die Erwähltheit der Juden keinesfalls eine eingebildete arrogante Überlegenheit ist, sondern einen oft leidenvollen Auftrag bedeutet, für universellen Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Für Herzberg sind die Juden ein einzigartiges Volk, denn sie wurden einerseits wie keine andere Nation verfolgt, brachten andererseits große Persönlichkeiten hervor. Den antisemitischen Mythos einer Einheit des "Weltjudentums" zerstreut Herzberg mittels eines jüdischen Witzes: Während der NS-Zeit fuhren zwei Juden Straßenbahn. Der eine las das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer". Vom anderen Juden darauf angesprochen erwiderte er: "Wenn ich eine jüdische Zeitung aufschlage, muss ich lesen, wie die Juden sich das Leben schwer machen, und dann bin ich deprimiert. Aber wenn ich im Stürmer lese, dass die Juden reich und mächtig, organisiert und einig sind und die Welt beherrschen, dann geht es mir gleich wieder besser."

Es folgt eine spannende zweitausendjährige Reise durch die jüdische Welt von der Geburt des Christentums bis in die Gegenwart. Auf diesem Weg tauchen faszinierende Personen wie der erste säkulare Jude Uriel Acosta auf. Im Amsterdam des 17. Jahrhunderts veröffentlichte Acosta ein Buch, in dem er sowohl das Neue Testament als auch die rabbinischen Lehren ablehnte. Die Jüdische Gemeinde schloss ihn aus, und er wurde sogar verhaftet. Nach 14 Jahren als Paria kehrte Acosta wieder in die Gemeinde zurück. Aber als er die Bibel für eine menschliche Erfindung erklärte und potenzielle jüdische Konvertiten abschreckte, wurde er ein zweites Mal exkommuniziert. Acosta ging nach Hause und nahm sich das Leben.

Der Holocaust beschäftigt Herzberg sehr. "Der Jude in mir kann die Gaskammern nicht vergessen", schreibt er. Gleichzeitig lehnt er vehement jeden Versuch ab, die Frage "Wo war Gott in dieser Zeit?" zu beantworten. So wie Hiobs schreckliches Leiden, könne kein Jude Sinn der Shoah verstehen. Statt dessen soll er schweigen und an seinem Glauben festhalten. Herzberg schreibt spannend, aber nicht immer genau. So behauptet er, dass die Mehrheit der vom damaligen israelischen Premier David Ben Gurion befragten führenden jüdischen Gelehrten der Ansicht war, "dass jeder, der sich als Jude oder Jüdin betrachtet, Teil des jüdischen Volkes sei". In Wahrheit lehnten dies 37 der 45 Befragten ab, was Ben Gurion dazu veranlasste, diese liberalen Richtlinien des sozialistischen Innenministers Israel Bar Yehuda zu korrigieren, um seinen national-religiösen Partnern entgegenzukommen.

Herzberg macht sich große Sorge um die Zukunft des jüdischen Volkes. Nicht der Antisemitismus oder die weitgehende Assimilation betrachtet er als die größte Gefahr, sondern die Radikalisierung der Ultraorthodoxen und Ultranationalisten in Israel. Diese "bewaffneten Propheten in der Westbank", die ihre Doktrin mit dem vermeintlichen göttlichen Willen gleichstellten, könnten einen neuen Krieg mit den Arabern oder einen Bürgerkrieg anzetteln und die Existenz des Staates Israel gefährden.

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