Kultur : Ausgebeutete und Ausbeuter

Fremdes Leid: In der Doku „Kurz davor ist es passiert“ tauschen Opfer, Täter, Zuschauer die Rollen

Verena Friederike Hasel

„Denn die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, heißt es in der „Dreigroschenoper“. Dort, im Dunkeln, treiben sich Kameras ja bevorzugt herum, und wollen Unsichtbares belichten. Meist geht das dann so: Dunkelmensch wird auf knallrotes Sofa gesetzt und berichtet vom Dunkelleben. Oder wahlweise: Der Bericht erfolgt, während er über alte Dunkelpfade wandelt – Maximum an Authentizität. Beide Male filmt die Kamera ihn ab – und fertig ist, was man bestenfalls als abfotografierte Nacherzählung bezeichnen kann, aber mitnichten als Film.

Eine, die genau weiß, dass ein Film nicht durchs Draufhalten allein entsteht, ist Anja Salomonowitz. In „Kurz davor ist es passiert“, der im diesjährigen Berlinale-Forum lief, zeigt die österreichische Regisseurin einen ebenso bewussten wie eigenwilligen Umgang mit den filmischen Mitteln. Auch sie erzählt von Dunkelmenschen: Um fünf Frauen geht es, die über die Grenze nach Österreich gelangt sind, illegal, und dort ausgebeutet werden, als Prostituierte, Ehefrauen und Haushaltshilfen. Die künstlerische Entscheidung, die den Film weit über die Schwelle der boulevardesken Betroffenheit hinweg hebt, ist die Trennung der Bild- und Tonebene. Nicht die Betroffenen selbst erzählen ihre Geschichte, das übernehmen fünf weitere Personen – allesamt Menschen, die den Frauen begegnet sein könnten, wie der Grenzbeamte in seinem gläsernen Gehäuse oder der Bordellkellner in seiner roten Höhle.

Mitten in ihren alltäglichen Verrichtungen sprechen sie die Texte der Frauen, und dabei berührt nicht zuletzt das Ausmaß, in dem sie sich selbst entblößen. „Jeden Tag verdient er so viel Geld mit mir“, sagt der Grenzer, und die Kamera schaut ihn vom Rücksitz eines Autos an, das er gerade kontrolliert – von genau dort also, wo das nächste Opfer sitzen könnte. Und die Konsulin erzählt in Ich-Form von einer Frau, die vor lauter Plackerei in einem Konsulatshaushalt krank wird, und lässt sich dabei wohlig massieren.

Es gibt Momente, da glaubt man, nun habe sich das filmische Experiment erschöpft, doch dann trifft es einen erneut, mit seltsamen Parallelen. „Ich will einen richtigen Job finden“, sagt der Bordellkellner, der einer Nackttänzerin seine Stimme leiht, und ein paar Bilder später schleppt er besudelte Bettwäsche zur Waschmaschine. Zum Ende hin zerfleddert das Filmkonzept, da wird der Taxifahrer, Protagonist der fünften und letzten Episode, schon vorher eingeführt – ein Vorgriff, den es nicht gebraucht hätte. Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler in einem Film, der auf außergewöhnliche Weise Licht ins Dunkel bringt.

fsk am Oranienplatz

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