Kultur : Ausgebombt und plattgewalzert Musikfest: Das RSB spielt Ravel in der Philharmonie

Ulrich Pollmann

Man darf getrost davon ausgehen, dass Ravel von Marek Janowski sehr angetan gewesen wäre. Denn der auf den ersten Blick etwas trocken wirkende Dirigent besitzt nicht nur die von Ravel geforderte Demut vor dem Werk, die Bereitschaft, diesem ohne Ego und Starallüren zu dienen. Er hat auch viel Sinn für die rhythmischen und klanglichen Delikatessen der französischen Musik allgemein. In der Philharmonie entfaltet er mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester eine überwältigende Walzerfolge, nahtlos gehen Ravels „Valses nobles et sentimentales“ und der apokalyptische „La Valse“ ineinander über. Eleganz und Verführung, Dekadenz und Raffinesse, Auftrumpfen und Schwanken auf dünnem Boden wechseln hier wie im Zeitraffer, bevor sie schließlich in den gähnenden Abgrund taumeln, in den auch die Walzerstadt Wien nach dem Ersten Weltkrieg stürzte.

Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, das der Walzerfolge vorausgeht, ist die Kriegsassoziation natürlich noch unmittelbarer eingeschrieben, ist es doch für den Kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein komponiert. Das Stück ist ein veritabler Kraftakt, der junge Moskauer Pianist Boris Beresowskij (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Oligarchen) muss die ganze Fülle des Klavierklangs gewissermaßen mit links erzeugen. Was ihm bravourös gelingt, die oft beißend harten Passagen schüttelt er mit lockerem Schwung in die Tasten. Vor der Pause erklingt, das Konzert ist ja auch Teil des Musikfests und somit dessen Programmatik verpflichtet, „Chronchromie“ von Olivier Messiaen. Aber der hat an diesem Abend schlechte Karten, denn Vogelgezwitscher hat der fleißige Festivalbesucher einfach schon genug gehört. Ulrich Pollmann

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