Kultur : Ausgebremst

Die Kunst, sich selbst zu produzieren: Pharrell Williams und sein Solodebüt „In My Mind“

Ulf Lippitz

Pharrell Williams ist das Wunderkind des Hip-Hop, der Mann mit der goldenen Hand. Mit Chad Hugo bildet er das Produzenten-Duo The Neptunes, aus deren Studio vor drei Jahren 43 Prozent aller Titel im amerikanischen Radio stammten. Die Neptunes arbeiteten für Britney Spears, Justin Timberlake oder Mariah Carey, und letztes Jahr verkaufte sich Gwen Stefanis Single „Hollaback Girl“ als erster Titel über eine Million Mal übers Internet.

Die Erwartungen waren deshalb hoch, als Williams kurz darauf sein erstes Solo-Album ankündigte. Und die Verwirrung auch, als er es mehrmals verschob, bis „In My Mind“ nun endlich doch herauskam. Die Vorgeschichte hat etwas von einer Farce, denn aus dem mit Spannung erwarteten Debüt ist längst ein running gag geworden. Erst auf November terminiert, dann aufs Frühjahr verschoben, provozierte die Frage „Wann wird wohl Pharrells Album erscheinen?“ zuletzt eher Kichern als ehrwürdiges Geraune.

Nur zu gut erinnern sich Journalisten an die Begleitumstände der ersten Plattenpräsentation. Im Oktober flog eine Angestellte der Firma Star Trak Records mit einem CD-Rohling um die Welt und spielte die Platte eingeladenen Fachleuten vor. Als das Video zur ersten Single, „Can I Have It Like That“, Berliner Journalisten gezeigt wurde, stoppte die resolute Dame die Vorführung nach 30 Sekunden. Die Farben kämen nicht zur Geltung, sagte sie, das Video sehe zu dunkel aus. Ende der Vorstellung.

Als dann die erste ausgekopplete Single nicht auf Platz Eins der Charts vorrückte, sondern nur auf Rang 47 gelangte, schien eine der steilsten Karrieren der jüngeren Popgeschichte schon wieder beendet zu sein Der 32-jährige Mastermind hatte einen Flop produziert. Er zog die Platte zurück, ging noch einmal ins Studio, nahm einige Titel neu auf, mischte andere neu ab und lud neue Gastsänger ein. Er zögerte die Veröffentlichung hinaus, arbeitete lieber an seiner Mode-Marke „Billionaire Boys Club“, eröffnete einen FlagshipStore in Tokio, wurde von der Zeitschrift „Esquire“ zum bestangezogenen Mann 2005 gewählt – und nährte so Spekulationen, er würde ausgerechnet mit dem eigenen Werk grandios scheitern.

Vielleicht wäre es besser gewesen, das Album im Giftschrank zu verschließen. Der Ruf ist lädiert, jetzt, wo die Platte in die Läden kommt, könnte er noch mehr leiden. Denn „In My Mind“ ist alles andere als ein Geniestreich. Das Album wirkt wie ein Querschnitt unterschiedlicher Neptunes-Perioden – nur mit dem Unterschied, dass diesmal Pharrell Williams singt und nicht, sagen wir, Britney Spears.

Für Snoop Dogg hatten The Neptunes vor zwei Jahren den Ohrwurm „Drop It’s Like It Hot“ produziert: einen Track, der fast nur aus Beatmustern bestand, die so klangen, als hätten die Produzenten die Melodie mit der Zunge geschnalzt. So ein Knaller fehlt auf Pharells Platte. Für „Can I Have It Like That“ hat Pharrell einen düster klingenden Synthie-Loop und sich überschlagende Beats zusammen gewürfelt. Darüber spricht Gwen Stefani eine Zeile, ein Funk-Sample bremst den Track von Zeit zu Zeit aus, dann geht der Titel zu Ende, wie er angefangen hat. Eingängig, könnte man sagen, oder auch: langweilig.

Der Titel gehört zur Hip-Hop-Hälfte des Albums. Darauf geben sich GenreGrößen wie Slim Thug, Jay-Z und Snoop Dogg als Gast-Rapper die Ehre. Letzterer auf „That Girl“, das haargenau nach dem ersten Timberlake-Album klingt und daher die Anmutung eines drei Jahre alten Titels hat. Das sind noch die besseren Momente. Auf der zweiten, dem Soul gewidmeten Hälfte wird es nicht besser. „Angel“ ist ein Exempel an Spannungsarmut, „Our Father“ eine penetrante Hommage an den lieben Gott. Dazwischen fasst sich Pharrell ans Gemächt, rappt über „eye-fucking“ und „bitches“. Bei einem Sänger, der sich vergangenen November in Berlin nach Kräften mühte, liebenswert zu erscheinen, ist das ein aufgesetzter Schachzug. Den bösen Buben und „Mothafucker“ nimmt man Pharrell nicht ab.

Er könnte sich vorstellen, als Kunst-Professor an einem kleinen College zu unterrichten, hat er damals in Berlin gesagt, und jeden Tag mit dem Volkswagen zur Arbeit zu fahren. Ein Lebensentwurf, der meilenweit entfernt liegt vom Porno-Mogul-Image eines Snoop Dogg oder dem Gangsta-Predigertum eines 50 Cent. Nur ein Nerd-Hip-Hopper wie Kanye West passt ideologisch in diese Welt. Auch er hat einen Gastauftritt auf Pharrells Album, auch er liefert nicht sein bestes Stück ab. Wenn The Neptunes bisher der Mercedes unter den Rap-Produzenten waren, steigt Williams solo in die von ihm beschworene Volkswagen-Klasse ab: geruhsam, unauffällig, überraschungsarm.

„Ich will der Leonardo da Vinci des Hip-Hop werden“, verkündete er in Berlin. Mit „In My Mind“ hat er sich davon weit entfernt. Pharrell Williams mag ein Händchen für die Lieder anderer haben, für seine eigenen besitzt er die Midas-Gabe nicht.

„In My Mind“ ist bei Star Trak Records/Virgin erschienen.

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