Kultur : Ausgeflippt

Jüdin und Palästinenser: „Alles was ich an euch liebe“

Martin Schwickert

„Besser als Drogen“, sagt die Mutter und verdreht die Augen. Der jüngste Sohn David hat gerade das orthodoxe Judentum entdeckt. Vor dem Sabbat klebt er die Lichtschalter ab, entsorgt die unkoschere Salami in den Abfalleimer und portioniert sogar das Klopapier, weil am Feiertag kein Papier abgerissen werden darf. Dabei sind die Dalinskys eigentlich eher eine weltliche, jüdische Familie. Tochter Tanja (Maria Botto) lebt als alleinerziehende Nymphomanin samt Tochter immer noch in der elterlichen Neubauwohnung. Mutter Gloria (Norma Aleandro) wartet vergeblich auf die erlösende Wirkung der Antidepressiva, während Großväterchen Dudu (Max Berliner) als alter Suez-Kämpfer gerne mit seinem britischen Infanteriegewehr herumspielt.

Doch dann bringt die jüngere Tochter Leni (Marián Aguilera) ihren neuen palästinensischen Geliebten Rafi (Guillermo Toledo) mit zum Sabbat-Essen: Das lässt den familiären Hysterie-Pegel rapide anschwellen. Und auch dass Rafi eine tiefgefrorene Suppe aus dem Küchenfenster entgleitet und der herabstürzende Eisklotz den Vater am Kopf trifft, trägt wenig zur Entspannung des jüdisch-palästinensischen Verhältnisses bei.

Dany Levis letztjähriger Hit „Alles auf Zucker“ hat in Deutschland die jüdische Komödie wieder zum Leben erweckt. Nun kommt mit „Alles was ich an euch liebe“ von Teresa de Pelegri und Dominic Harari die spanische Genreversion in die Kinos. Im Zentrum steht auch hier die Familie als Mikrokosmos der kulturellen und religiösen Identität. Die Dialoge leben vom Tempo, aber auch vom drastischen politischen Humor, mit dem das Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern karikiert und die orthodoxe Tradition ad absurdum geführt werden.

Wenn der Film jedoch im letzten Drittel die familiäre Enge der Wohnung verlässt, verliert er auch sein komödiantisches Zentrum. Derbe Einschübe verweisen allzu deutlich auf das Humorherkunftsland Spanien. In Almodóvarsche Qualitäten stößt er allerdings dabei leider nicht vor.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain, Kurbel, Yorck; OmU in den Hackeschen Höfen

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