Ausgehen: Die Bar Würgeengel in Kreuzberg : Cremig statt pampig

Schlechte Erinnerungen setzen sich meist im Kopf fest. Doch unsere Autorin gibt dem "Würgeengel" in Kreuzberg noch eine Chance - und wird überrascht.

von
Cocktails und Früchte
Cocktails müssen gekonnt gemischt sein.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es muss vor 15 oder 16 Jahren gewesen sein. Wahrscheinlich war es sogar mein erster Besuch im Würgeengel, der so schön nah beim Babylon Kreuzberg liegt – einem meiner Lieblingskinos. Vermutlich war ich zu früh dran und setzte mich deshalb in die verlockend schummerige Bar. An einen der kleinen Tische im hinteren Teil. Ein bisschen müde vom Tag bestellte ich, ohne in die Karte zu schauen, einen Milchkaffee. Ein bisschen Koffein vor dem Film. Uh, schlechte Idee! „Wir sind eine Cocktailbar, hier gibt es keinen Milchkaffee“, blaffte es mir entgegen. Verschüchtert entschied ich mich für eine Cola, verbuchte den Laden unter ruppig und kam nur noch selten her.

Obwohl ich mir mittlerweile gar nicht mehr hundertprozentig sicher bin, ob das wirklich im Würgeengel passiert ist, hatte ich diese mentale Notiz immer noch im Hinterkopf, als ich kürzlich mit Freundin A. mal wieder dort landete. Eher zufällig und am frühen Abend, als noch nicht so viele Leute in dem sonst meist sehr gut besuchten Laden waren, der sich nach Luis Buñuels 1962 gedrehtem Film „El angel exterminador“ benannt hat.

„So was wie Piña Colada“

Wir studierten die Cocktailkarte, niemand hatte die Absicht, Kaffee zu bestellen. Ich entschied mich für einen Ingwer Gimlet. Erkältungsprävention in Drink- Form – gute Sache. Bei A. ging es nicht so schnell mit der Entscheidungsfindung. Sie blätterte mehrmals vor und zurück, der Sinn stand ihr nach etwas Cremigem. „So was wie Piña Colada“, sagte ich mehr als Scherz. Dieser Allerweltsdrink steht natürlich nicht auf der Karte. „Ja, genau. Gute Idee“, sagte A. „Ich frag’ mal, ob sie mir einen machen.“ Besorgt verfolgte ich ihre Bestellung und rechnete schon damit, dass die Bedienung sie mit arrogantem Unterton abblitzen ließe. „Gern, kann er dir machen“, sagte die Frau im weißen Hemd freundlich und schaute zum Barkeeper hinüber. Wenig später kam sie mit einem großen Glas Piña Colada zurück. A. strahlte und ich strich meinen alten Vorbehalt endgültig aus dem Hirn. Die Zeiten ändern sich. Kaffee kriegt man übrigens auch im Würgeengel – nur eben keinen Milchkaffee.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben