AUSGEHEN : Einfach mal die Klappe halten

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Neulich beim Björk-Konzert auf dem Flughafen Tempelhof. Zwischen einem Musikjournalisten und einer Kollegin beginnt eine Diskussion über die Gender-Aspekte der Performance. Plötzlich dreht sich eine Zuhörerin aus der Reihe vor ihnen um und sagt freundlich, aber bestimmt: „Könnt ihr mal leise sein, ich will die Musik hören.“ Klar, sorry. Die beiden vertagen sich.

Es wäre schön, wenn das immer so laufen könnte: Eine kurze Bitte und schon ist Ruhe. In den meisten Fällen lassen sich die Publikumslaberer aber nicht so leicht oder gar nicht stoppen. Manchmal liegt es am Alkohol. Wenn drei besoffene Engländer auf einem Rockkonzert dröhnend die Vorzüge des Fußballteams von Aston Villa erörtern, hilft nur noch das Ausweichmanöver in einen Bereich außerhalb ihrer Grölweite. Doch selbst wenn sie nur Mineralwasser trinken, ignorieren dauerquatschende Konzertbesucher häufig die Aufforderung, sich etwas ruhiger zu verhalten. Manche werden sogar aggressiv oder reden extra laut weiter – als sei das der ultimative Lässigkeitsbeweis.

Der Frage, warum Menschen überhaupt Geld für Konzertkarten ausgeben, um sich dann ausschweifend zu unterhalten, statt zuzuhören, kommt man nur mit guten Küchenpsychologiekenntnissen und langjährigen Feldstudien auf die Spur. Eine so gewonnene Arbeitsthese lautet, dass bei den Live-Labertaschen eine neuzeitliche Form von Narzissmus vorliegt: Diese Spezies sieht ein Konzert in erster Linie als Partylocation mit Distinktionsgewinn. Macht sich gut in der Facebook-Statusmeldung oder als Hintergrund für Fotos. Das lässt man sich dann gern auch mal ein bisschen was kosten.

Um die Musik geht es dabei erst an dritter oder vierter Stelle. Sie gehört zwar dazu – wie sie immer irgendwie dazugehört –, aber höchstens als Gefühlsverstärker der eigenen Show. Deshalb bringt es auch nichts, mehr Respekt für die Musikerinnen und Musiker zu fordern, da diese auf eine dienende Rolle reduziert werden. Wer sich von Quatschern gestört fühlt, kann also nur weggehen, auf einen lauten nächsten Song hoffen oder zu Keith Jarrett ausweichen. Der Jazzpianist ist bekannt dafür, seine Konzerte bei Hustern oder Handyklingeln abzubrechen. Sein Publikum ist eines der stillsten überhaupt.

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