AUSGEHEN : Entzündet und ausgebrannt

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Einst gingen diese Tage zwischen dem 1. und dem 24. Dezember quälend zäh ins Land. Für das Kind ist der Advent eine Zeit maximaler Verlangsamung, ein Warten, das sich tatsächlich ewig anfühlt. Daran ist zu denken, wenn heute mit jedem geöffneten Türchen des aus Sentimentalitäts- und sonstigen Quatschgründen im kinderlosen Jungjournalistenhaushalt aufgehängten Adventskalenders die allgemeine Zeitmangelverzweiflung größer wird: So spät schon? Und ich muss doch noch ...

Zum beruflichen kommt der Freizeitstress. Chor, Betrieb, Abteilung – Weihnachtsfeier reiht sich an Weihnachtsfeier reiht sich an Weihnachtsfeier. Irgendwo dazwischen: die verstreuten Freunde, die jetzt ebenfalls besonders pflegeintensiv sind. Glühweinumtrunk hier, Glühweinumtrunk da, von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt, und dann hat noch irgendwer in Brandenburg eine Gans geschlachtet, und auch die will ja gegessen und anschließend begossen werden.

Mit etwas Pech kommt der allumfassende „Es geht nicht mehr“-Moment dann nicht im beruflichen Kuddelmuddel, wo er herkommt und hingehört, sondern, denkbar unpassend, nach dem dritten Glühwein. Dann also, wenn die Selbstkontrolle nicht mehr ausreicht, die nahe- und fernliegenden Sorgen irgendwie zu unterdrücken, sie aber noch nicht mild zerfließen – in jenem Status fortgeschrittener Trunkenheit, den man so, halb „entzündet“ und gleichzeitig ausgebrannt, auch nicht mehr erreicht. „Crying at the Discoteque“ war mal, „Crying at the Glühweinstand“ ist das neue große Ding.

Aus diesem Grund an dieser Stelle heute also keine lustigen Anekdoten aus den Kneipen dieser Stadt. Und auch die Frau vom Glühweinstand am Potsdamer Platz, die neben ihrer Plörre auch gefühlte 1000 Wortspiele mit „Rum“ serviert, muss zu einem anderen Zeitpunkt Thema sein. Wenn alles nicht mehr so dunkel und voll ist wie ein Club am Heiligen Abend. Apropos Heiliger Abend: Ganz ursprünglich war der Advent ja eine Fastenzeit, mit Ein- und Abkehr und dem ganzen Brimborium. Das muss schön gewesen sein.

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