AUSGEHEN : Gipfel der Demütigung

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Der Weg nach Mitte ist manchmal unvermeidlich, immerhin leben auch da Menschen, denen man ab und an beim Bier zur Seite stehen muss. Und überhaupt: Man muss ja Kontakt halten zur „Szene“, als Stadtfeuilletonist zumal. Da kann man sich nicht ewig in seiner West-Berliner Altbaubude verkriechen, ab und zu heißt es: Reih dich ein in die Spaßhaber-Einheitsfront, weil du auch ein Spaßhaber bist!

Also ab in eine Bar an der Torstraße, die vorn heißt wie ein weibliches Geschlechtsorgan und hinten wie ein modelndes Mitglied der Kommune 1. Vorher noch Wodka-Mate beim Späti am Rosenthaler Platz – man könnte sich fast wieder wie 20 fühlen, oder eben wie so ein ewig junger Berliner Hipster. Fast erinnert es an die Abi-Fahrt, damals, 2003, als ein Sitzenbleiber den ganz heißen Tipp hatte: „Kurvenstar“ am Hackeschen Markt – da müssen wir hin. Und dann: „Wie bitte? Cocktails für acht Euro?“ Und wieder raus.

Jetzt aber bleiben wir und stehen vor der Tür und rauchen und lachen über die Zehner-Trupps pickliger Abiturienten, die – „Würdet Ihr in ’nen Laden wollen, wo nur so Typen sind wie ihr?“ – an der Bartür abprallen. Gipfel der Demütigung, denke ich noch. Und: Hier komm’ ja sogar ich rein! Aber vielleicht habe ich sie auch ganz unbemerkt erworben, diese durch Reglosigkeit kaschierte Gefallsucht, mit der man hier anschlussfähig wird.

Und siehe da, jetzt stoßen sogar Frauen zu uns. Küsschen, Umarmungen, Gläsergeklirr, dann: Vorstellung der Neulinge, also von mir. „Er arbeitet beim Tagesspiegel, ist verheiratet und zieht bald in ’nen Vorort.“ „Aha“, sagen die Frauen. Ich kann einpacken, denke ich. Und: Gipfel der Demütigung. Die Frauen lachen, ich packe ein. Fahrradhelm auf, noch mehr Gelächter. Von hier in mein Leben fährt man nachts eine halbe Stunde.

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