AUSGEHEN : Hoch die kleinen Gläser

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Immer wieder diese quälende Frage, die durch das Verrinnen des Jahresrests noch an Brisanz gewinnt: Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? In ihrer Beantwortung scheidet sich die Welt in die Menschen, mit denen man noch ein weiteres Glas wagen würde – und die anderen. Eines bleibt jedoch bei all dem im Dunkeln: Wie viel ist wirklich noch drin im Glas? Das ist eine Frage der Bezugsgröße, und die ist nie egal.

Von allem hat man gerne mehr – außer, man ist Restaurantkritiker, dann schüttelt es einen natürlich vor vollen Tellern. Was der neugierige Weintrinker sucht, ist die Vielfalt und die verträgt sich auf Dauer nicht mit großen Gläsern, weil sie das eigene Fassungsvermögen vor der Zeit erschöpfen. So zieht man also durch die Nacht und sucht nach Wirten, die bereit sind, viele Flaschen zu öffnen und sie in kleinen Gläsern auszuschenken.

Nicht immer erfolgreich, denn der Wirt hat vielleicht nichts gegen mein Vergnügen, doch will er daran nicht bankrottgehen müssen, an den vielen angetrunkenen Flaschen und Dutzenden von benutzten Gläsern. Wer aber einer Weinbar vorsteht, muss aktiv Downsizing betreiben. Im ottorink in der Dresdner Straße 124, neben dem Kino Babylon, ist das Gott sei Dank auch angekommen. Zur Eröffnung hatte sich Winzer, Koch und Otto-Enkel Andreas Rink sich das noch nicht getraut, er fürchtete Gäste, die eine Kreuzberger Nacht vor 0,1 Liter Wein ausharren.

Zwei Jahre später vertraut er der ungebremsten Weinlust der Berliner – und seiner Kalkulation. Dabei lehnt der Pfälzer gelassen am Tresen, auch wenn neue Weinbars höhere mediale Wellen schlagen. Rink will vor allem zeigen, was im deutschen Wein steckt, mit regelmäßig wechselnden Karten und Namen darauf, die noch nicht jeder mitsummen kann. Das beherrscht er, und man folgt seinen Entdeckungen umso entspannter, weil hier ein halb volles Glas keine Drohung ist und ein halb leeres keine Katastrophe.

Ich nehme bitte noch ein kleines Glas. Und dann noch ein ganz anderes.

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