Ausgehen in Berlin : Der Boxer und die Jackenmänner

Die Madonna Bar in der Wiener Straße hat nichts mit der Pop-Sängerin zu tun, hier läuft Rockmusik und sympathische Stammgäste führen intensive Kulturdebatten.

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Der Lederjackenmann und der Jeansjackenmann sitzen wohl schon ein Weilchen auf den grünen Bänken vor der Madonna. Die Gläser halb leer, ein Oliver- Sacks-Buch zwischen ihnen, diskutieren sie über Literatur. Als wir fragen, ob wir uns ans andere Ende der Bierbank setzen dürfen, fordert der Jeansjackenmann lachend: „Passport!“ Nach einer kurzen Vorstellung dürfen wir uns dann auch ohne Ausweis zu ihnen gesellen. Die beiden sind Stammgäste, wie offenbar auch das restlichen Ü40-Publikum in dem Laden auf der Wiener Straße in Kreuzberg.

Jeansjackenmann ruft zum Nachbartisch: „Hey, A., ist das John Lennon da auf deinem T-Shirt?“ A. bejaht und schiebt das Hemd, das er über dem Shirt trägt, beiseite, damit man das gezeichnete Gesicht des Beatles besser sehen kann. Jeansjackenmann findet die Neonfarben komisch, das Bild ist ihm irgendwie zu bunt. Aber macht nichts, jetzt haben er und Lederjackenmann ein neues Thema: die Genialität der Fab Four. Songtitel, Anekdoten, angesungene Refrains – schon sind sie tief drin.

Sven Regener ließ sich hier für die Bar in "Herr Lehmann" inspirieren

Die Madonna war eines der Vorbilder für die Kneipe, in der Sven Regeners „Herr Lehmann“ arbeitete. Und wenn man Jeansjackenmann und Lederjackenmann an diesem lauwarmen Juniabend da so hocken sieht, kann man sie sich problemlos in einer Szene aus dem Buch oder der Verfilmung vorstellen. Vielleicht saßen sie vor 30 Jahren tatsächlich schon in der Kneipe, die ihr eigenes Hausbier, eine große Whisky-Auswahl und eine M29-Haltestelle direkt vor der Tür hat.

Jeansjackenmann weist auf eine weitere Attraktion hin. Er deutet an die Fassade und fragt: „Habt ihr den Pimmelmann gesehen?“ Uh! Hatten wir nicht. Dort prangt eine flache Metallfigur, die mit ihren runden Händen ein bisschen wie ein nackter Boxer wirkt. Jeansjackenmann lacht und sagt, dass die Schulkinder immer ganz irritiert vor der Wand stehen und auf den Schwanz starren. Das Kunstwerk haben die Madonna-Betreiber selbst in Auftrag gegeben, erklärt er weiter. Genau wie das Deckengemälde mit den biblischen Motiven, das den Namen der Bar illustriert. Eine Verwandtschaft zur gleichnamigen Queen of Pop hat der Laden, in dem meistens Rockmusik läuft, nämlich nicht.

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