Ausgehen in Berlin : Die Hauptstadt schmeckt herb

Berlin hat ein raues Gemüt. Aber auch gastronomisch? Schmeckt man sich durch das flüssige Berlin, wird es jedenfalls tatsächlich herb. Egal ob mit Bier aus der Markthalle Neun oder mit Neuköllner Kräuterlikör.

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der Neuköllner Kräuterlikör KR/23.
Zimt, Kamillenblüte und Pfeffer: der Neuköllner Kräuterlikör KR/23.Foto: Screenshot / kr23.theliquorcompany.de

Neulich in einem Billigflieger auf dem Weg nach Barcelona: Eine junge Frau mit tiefschwarz gefärbtem Haar lässt sich auf den Nebensitz sinken. Ihre Augenlider verraten, dass sie die vergangene Nacht nicht dazu kamen, sich auch nur annähernd ausreichend zu schließen. Doch etwas hält die blasse Nebensitzerin trotzdem wach, treibt sie um. Innerlich formuliert sie eine Frage, versucht sie so zu fassen, dass man sie auch stellen kann. Nach dem Start bleibt der Tegeler See unter Wolken zurück, und es ist so weit: Wir kratzen unser Bordenglisch zusammen, und ich glaube zu erfassen, welche Berliner Unruhe da mitfliegt zurück nach Barcelona. Flapsig zusammengefasst könnte sie heißen: Stimmt das mit der harten Schale und dem weichen Kern der Berliner? Dass man unverschuldet in die Situation gerät, standhalten zu müssen. Und es dahinter vielleicht irgendwann gemütlicher wird in dieser Stadt, die jetzt sekündlich ferner rückt.

Durch die schweren Lider bitten Blicke um Bestätigung, auch dafür, dass man selbst nicht einfach nur zu uncool war und die Codes nicht zu dechiffrieren wusste. Selten war es leichter, zu seiner Stadt zu stehen. Und während ich noch antworte, breitet sich die Sage von der toughen Hauptstadt und ihren herben Bewohnern beruhigend in den müden Gliedern meiner Nebensitzerin aus, rollt wärmend über die gestressten Synapsen und schließt zuletzt die Lider, um den Schlaf bis zur Landung nicht mehr entkommen zu lassen. Gerührt trinke ich noch auf dem Flughafen einen Cava.

Berlin schmeckt bitter

Sind wir wirklich so herb? Schmeckt man mal rein und kostet sich durchs flüssige Berlin, spürt man eine wachsende Sensibilität für Bitterstoffe. Dazu haben neben dem aus Barcelona eingewanderten Wermut vor allem die neuen Brauer der Stadt mit ihren Aromahopfen beigetragen.

Exemplarisch kann man das an Heidenpeters Ale Thirsty Lady aus den Kellern unter der Markthalle Neun erleben, das, wenn Berlin seine Universität der Genüsse (UdG) besitzt, Gegenstand von Seminararbeiten über die neue Herbe der Hauptstadt sein wird. Die ist sanft, dennoch deutlich spürbar, dabei aber erfrischend, anregend, wunderbar begleitend. Selbst die Spirituosenmischer an der Spree achten auf eine zuträglich feine Bitternis – wie beim Neuköllner Kräuterlikör KR/23, der mit Zimt, Kamillenblüte und Pfeffer klassische Amari mit zartem Druck vom Platz schiebt.

Die wilden Winzern fühlen sich hier wohl

Für die jungen Wilden unter den Winzern ist Berlin das gelobte Land. Gastronomen lieben Weine, deren Macher nicht älter sind als das anvisierte Publikum. Gut passen da die Flaschen vom Weingut Kampf aus Rheinhessen ins Bild, ungeschönt, zupackend – und dazu noch dieser Name (den die Familie von Patrick, Jahrgang 86, schon lange trägt). Dazu ein paar wunderbare Gläser von Marc Weinreich samt Sekt und pulsierende Rote von Simone Adams. Das alles ist im Le Bon in der Boppstraße 1 auch ohne harte Schale entspannt zu verkosten, bei einem herzwärmenden Teller aus der Küche, direkt am Zickenplatz. Der nächsten fragenden Nebensitzerin erzähle ich das.

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