AUSGEHEN : Kermit trifft Kinski

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Während der Wedding nach langer Herbeiredungsphase inzwischen tatsächlich „kommt“, sind ähnliche Entwicklungsschübe in Moabit bisher noch nicht zu verzeichnen. Zumindest nicht in der Lehrter Straße – und das trotz Hostel. Von dessen Gästen hat sich an diesem Abend keiner in das Café der Kulturfabrik Moabit getraut. Dort grölt gerade ein schwankendes Dutzend junger Menschen: „Heute ist Geburtstag, heute ist Geburtstag!“ Umarmungen, Gelächter, Prost. Es ist kurz vor elf Uhr abends und man fragt sich, ob sie eine Stunde zu früh dran sind, oder ob das vielleicht schon seit 23 Stunden so geht. Gemessen am Grad der Ausgelassenheit erscheint Letzteres wahrscheinlicher.

Die mehrheitlich männliche Feiergesellschaft passt gut zum Jugendzentrumscharme der Kneipe. Es gibt einen Billardtisch und einen Kicker. An den Wänden hängen Fotos, auf denen Kermit aus der Muppet-Show in fatalen Situationen zu sehen ist: als Belag auf einem Hamburger, mit einem Messer im Bauch, kunstvoll gefesselt. Bestimmt ist der Künstler hier Stammgast. Auf den Bierbänken im kleinen Vorgarten finden gerade intensive Kulturdebatten statt. Zwei Herren sprechen über Klaus Kinski. „Das Gute an ihm war, dass er seine Rollen nicht gespielt hat, sondern gelebt“, sagt der eine. Und während man sich noch fragt, ob man das auch für Nosferatu und Jack the Ripper behaupten kann, kommen einige Geburtstagsfeierer nach draußen und quetschen sich mit an unseren Tisch. Sie bieten Zigaretten an, zünden sich selber welche an und lassen ihre Bierhumpen aneinanderkrachen. Mit ihrer Getränkewahl sind sie in jedem Fall auf der sicheren Seite gelandet: Wir haben es mit einer Rotwein-Bestellung probiert, was den jungen Mann hinter der Bar ins Schwitzen bringt. Vor allem weil er keine Weingläser auftreiben kann. Also nimmt er 0,1-Sektgläser und verlangt nur den halben Preis. Der Geschmack ist eher halb gut. Macht aber nichts – in eine Hipsterbar mit perfektem Getränkeangebot geraten wir früh genug wieder.

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