Ausgehen: Mehrsprachig in Kreuzberger Kellern : Lost in Translation

Das Berliner Nachtleben ist viel internationaler als noch vor zehn Jahren - und Nadine Lange antwortet reflexhaft auf Englisch. Manche Bestellung gerät trotzdem heikel.

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One beer, please: Das Berliner Nachtleben ist längst international geprägt.
One beer, please: Das Berliner Nachtleben ist längst international geprägt.Foto: Arno Burgi dpa/lbn

Kürzlich in einem Kreuzberger Konzertkeller: Die Zuschauermenge macht sich für den Auftritt eines britischen Newcomers bereit. Paare gehen in Kuschelposition, Leute kommen von der Bar zurück. Ein junger Mann in der vierten Reihe landet im Geschiebe schräg vor mir. Er ist deutlich größer und dreht sich um: „Are you fine over there?“, fragt er. Ein höflicher Engländer? Nein, ich hatte ihn vorher mit seinen Freundinnen Deutsch sprechen hören. Trotzdem antworte ich irgendwie automatisch auf Englisch, dass alles okay sei.

Berliner Nachtleben: Überwiegend Englisch

Das Berliner Nachtleben ist schon seit einer Weile viel internationaler als noch vor zehn Jahren. Zu den vielen Ex-Pats gesellen sich Musikfans und Tanzwütigen, die per Billigflieger in die Stadt kommen. Da kann es schon mal vorkommen, dass in einem Club überwiegend Englisch gesprochen wird, und man gar nicht mehr auf die Idee kommt, jemanden auf Deutsch anzusprechen. Im Berghain hat mich mal eine junge Frau gefragt, ob ich mit der amerikanischen Sängerin verwandt sei, die gerade von der Bühne gegangen war. Ich verneinte und wir kamen ein bisschen ins Gespräch – alles auf Englisch. Zwar bemerkte ich, dass es nicht ihre Muttersprache war, aber bunte Akzente ist man ja gewohnt. Nach fünf Minuten kam eine ihrer Freundinnen hinzu und redete Deutsch mit ihr. Ich lachte und wechselte ins heimische Idiom. Unsere Unterhaltung fühlte sich anschließend für mich ein paar Grad wärmer an. Vielleicht war’s auch nur der Entspannungseffekt, weil die Konzentration auf die Fremdsprache wegfiel.

Grundwortschatz empfohlen

Mehrsprachigkeit ist beim Ausgehen aber unbedingt zu empfehlen. Für Deutsche, wenn sie auf kellnernde Neu-Berliner treffen, die noch mit der neuen Sprache ringen. Aber auch für ausländische Berliner, die auf deutsche Barkeeper treffen, lohnt sich der Erwerb eines Grundwortschatzes. Damit es ihnen nicht so ergeht wie der Frau, die beim Konzert des britischen Newcomers „dry white wine“ bestellte und merkte, dass etwas falsch läuft, als der Mann hinter dem Tresen begann, drei Gläser zu füllen.

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