Ausgehen: Rund um den Viktoriapark : Brutales Brutzeln

Der lange Sommer hat Folgen für die Berliner Barszene. Es gibt abgespecktes Programm und geschlossene Kneipen. Ulrich Amling wagt sich trotzdem hinaus und begegnet unstillbarer Lust.

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Wsserfall und Bäume im Park
Der Viktoriapark in KreuzbergFoto: Kai-Uwe Heinrich

Der lange Sommer verändert die Stadt, und es scheint, als ob ihre Wirte nicht immer Schritt halten können mit anhaltenden Dürreperioden. Hier wie dort hängen gerade erst eröffnete Bars kurzerhand das „Ferien“-Schild raus, weil sich die laufenden Kosten doch stärker erwiesen als der galoppierende Durst.

Im „Viktoria Latina“ in der Katzbachstraße wird das Livemusikprogramm erst mal eingestellt bis zum Herbst, während zum Rauschen der Ventilatoren nun Carlos Gardel aus dem MP3-Player schmachtet. Der Chef aus Nicaragua mixt einen perfekten Pisco Sour für alle, die ihren Drink stark und direkt lieben, während sein brasilianischer Koch Coxinha de Galinha aus der Küche trägt, wunderbar fluffige frittierte Teigzipfel mit Hühnerfüllung. Gardel singt dazu herzzerreißend „Por una cabeza“ - und vergleicht Pferdewettsucht mit der Anziehungskraft einer Frau.

Ja, manch einer weiß gar nicht mehr, wo er eigentlich ist. Sichtlich verwirrt schieben zwei Väter ihre Kinderwagen durch den nahen „Golgatha“-Biergarten im Viktoriapark, noch am Kommentar knabbernd, den sie sich gerade eingefangen haben: „Das ist doch hier nicht Prenzlauer Berg!“ Die schwarzen Schwaden, die über den Park hinwegziehen, stammen nicht vom „Golgatha“-Grill, auf den immer mehr tiefgefrorene Nackensteaks neben schrumpelige Würste geworfen werden. Ein bayerischer Biergarten ist das hier - Löwenbräu hin oder her - aber ganz sicher auch nicht.

Vegane Russen und die Lust nach Schinkenspeck

So fällt es nicht schwer, den Ort des brutalen Brutzelns beutelos zu verlassen und in eine vegane Bar am Rande von Schönebergs Roter Insel zu wechseln. Das „Barkett“ in der Czeminskistraße ist in die Räume eines ehemaligen Parkettstudios an der Langenscheidtbrücke eingezogen und hat die Reste seiner Vergangenheit gleich in die Innenausstattung eingearbeitet. Die Inhaber sind russische Designer und stellen das junge Team mit ihrem tierfreien Konzept vor Herausforderungen.

Wer trinkt schon Detox-Tea in der Nacht? Solide will man immer erst am nächsten Morgen werden, frühestens. In der Vitrine räkeln sich ein feiner Zwiebelkuchen mit schwarzem Sesam und Zucchininudeln im Weckglas, während im Hinterzimmer Musik handgemacht wird, später übernimmt der DJ. Weil die allgemeine Freundlichkeit einen schnell weich macht, lässt man sich einfach Eis in den zu warmen Zweigelt werfen. Und ordert unbedingt noch den hausgemachten Chrenowucha, Wodka mit Meerrettich. Seine mundwässernde Schärfe aber weckt vor Ort unstillbare Lüste: nach Schinkenspeck.

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