Ausgehen: Tristeza Bar Berlin : Schweben und schweben lassen

Das Personal spendet ihr Trinkgeld an emanzipatorische Projekte und Mexikaner heißen Rote Fahne: In der Neuköllner Bar Tristeza ist die Welt noch in Ordnung.

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Kunst in der Tristeza
Dagegen. Kunst in der TristezaFoto: Tristeza

„Sechs Mexikaner, bitte“, sagt der junge Mann zum Barkeeper. Der antwortet ihm: „Mexikaner heißt bei uns Rote Fahne.“ Dann macht er sich daran, die Schnapsgläser mit dem würzigen roten Getränk zu füllen. Der Gast schaut ein wenig verdutzt, zeigt aber eine halbe Stunde später bei seiner nächsten Bestellung bereits einen Lernerfolg: Diesmal ordert er „sechs Rote Fahnen“.

Das Getränk scheint derzeit bei jungen Neuköllner/innen recht beliebt zu sein, denn der Barkeeper und seine Kollegin sagen an diesem Freitagabend in der Tristeza (Pannierstr. 5) noch ein paar Mal: „Mexikaner heißt bei uns Rote Fahne“. Wenn man nachfragt, was es mit der Namensgebung auf sich hat, erklären sie, dass sie „nicht mit nationalen Stereotypen“ arbeiten wollen. Verständlich, schließlich ist das hier ein offensichtlich von politisch links eingestellten Menschen betriebener Laden. Der Barkeeper trägt ein T-Shirt, auf dem ein Einhorn einen Skinhead bekämpft, dazu die Aufschrift „Good night white pride“. Da mag er natürlich auch nicht dazu beitragen, dass Mexikanern bestimmte klischeehafte Attribute wie Schärfe zugeschrieben werden.

Trinken bei den Gutmenschen also. Prima. Die Atmosphäre im vollen Barraum der kollektiv betriebenen Kneipe ist freundlich und entspannt. Es wird Deutsch, Englisch und Spanisch gesprochen. Neben uns an der Bar sitzt ein gemütlicher Alt-Punk und scrollt in seinem Telefon herum. Die kleine Schnorrerin, die in der Gegend oft an U-Bahnhöfen anzutreffen ist, läuft mit ihrem Hund durch den Raum. Sie lächelt – es ist das erste Mal, dass ich sie so sehe. Die Leute hier sind sicher weniger abweisend als die auf der Straße. Vielleicht gefällt ihr auch die Punkrock-Musik, die den ganzen Abend läuft.

Profitmaximierung ist nicht das Ziel

Es ist recht verqualmt unter der niedrigen Decke, wer es rauchfrei mag, kann nach nebenan gehen. Auch dort ist es ebenfalls voll. Im Keller wird gekickert. An der Bar rutschen gerade massenhaft Glaskrüge mit Fassbier durch die Bierlache auf dem schwarzen Tresen. Die Getränke sind äußerst günstig und für 70 Cent bekommt man eine große Schüssel mit Chips. Profitmaximierung ist hier augenscheinlich nicht das Ziel. Das Personal spendet sein Trinkgeld an emanzipatorische Projekte.

Eine besonders schöne Idee hat das Kollektiv aus einem Café in Neapel übernommen: den „schwebenden Kaffee“. Auf einem Aushang wird erklärt, wie es funktioniert. Gäste mit etwas mehr Geld können weniger wohlhabende Barbesucher einladen. Sie zahlen einfach einen oder zwei Drinks mehr. Das gefällt mir so gut, dass ich das gleich mal ausprobiere. Was das beliebteste „schwebende Getränk“ ist? Sterni. Gut, dann also zwei davon. Ich zahle. Der Barmann vermerkt es auf zwei kleinen Zetteln, die er neben dem Tresen aufhängt. Wer das sieht, kann nun umsonst zwei Flaschen Bier bestellen. Prost!

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